Monatsarchiv: Oktober 2023

Lesen…

…. hat Konjunktur und besonders das Sachbuch erfreut sich wachsender Beliebtheit. Das ist in Zeiten von Fake News, Verschwörungstheorien und dergleichen eine positive Entwicklung. Sachliche Informationen helfen nun einmal, die Flut der Nachrichten und das Weltgeschehen besser einordnen zu können. „Lesefähigkeit legt die Basis für Bildungskarrieren und für die Resilienz der Demokratie“, sagte die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels kürzlich laut NOZ und weiter: „…verwies auf die Effekte nachlassender Lesekompetenz. Dies führe zu geschwächter Immunresrsistenz beim Angriff populistischer Erreger“. Die erschreckenden Ergebnisse neuer Pisa-Studien lassen da nichts Gutes erwarten.

Sogar die Lokal(!)-Redaktion der Grafschafter Nachrichten nimmt die Eröffnung der Frankfurter Buchmesse zum Anlass, ganzseitig Buchempfehlungen der einzelnen Redakteure abzuliefern. Gut, kann man machen. Ich würde es allerdings vorziehen, wenn die Lokaljournalisten (wieder) vermehrt aus den Rathäusern sowie dem Kreishaus berichten würden und mit Berichten, Kommentaren und Interviews die Brücke zwischen Lokalpolitik und Einwohnern der Städte und Gemeinden herstellen würde. Es ist schon auffällig, dass sich in den letzten Jahren die Lokalreporter eher selten bei Ausschuss- und Ratssitzungen sehen lassen und entsprechend auch nicht fundiert darüber schreiben können. Schade drum, denn Demokratie setzt auch vor Ort gut informierte Bürger voraus! Aber damit will ich natürlich nichts gegen Literaturempfehlungen von Lokalreportern sagen, wohl aber über den Informationsgehalt und die Qualität des Lokalteils der Grafschafter Nachrichten.

In einem Kommentar in der NOZ am 18.10.2023 hebt Stefan Lüddemann die Sehnsucht der Leserinnen nach vertiefter Information hervor:“……Weil das Buch weiterhin den Goldstandard der intellektuellen und künstlerischen Wortmeldung darstellt. Weil es Erwartungen weckt, die digitale Medien nicht auf sich ziehen, Erwartungen von Qualität, Tiefe und Nachhaltigkeit.“

Ein hervorragendes Beispiel ist Reinhold Beckmanns Buch „Aenne und ihre Brüder – Die Geschichte meiner Mutter“. Beckmann erzählt und dokumentiert die Geschichte seiner Familie und besonders seiner Mutter Änne. Vier Brüder hat sie im zweiten Weltkrieg verloren. Es ist ein Buch gegen das Schweigen über den Krieg. Und es ist „ein Buch über die Verwüstungen des Krieges“, schrieb „Die Zeit“.

Kürzlich konnte ich im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals Reinhold Beckmanns Buchpräsentation im Thalia-Theater erleben. Unterstützt wurde er dabei von Joachim Gauck, dem ehemaligen Bundespräsidenten und Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, der die Präsentation und Lesung mit eindrucksvollen Worten begleitete. So erinnerte Gauck an die Verstrickungen der Menschen in das verbrecherische nationalsozialistische System. Reinhold Beckmann (Jahrgang 1956) beschrieb seine Jugendzeit und sein wachsendes Interesse an Familiengeschichte und seine drängenden Fragen an die Eltern- und Großelterngeneration. „Das willst du nicht wissen. Frag nie wieder“, erhielt er als Antwort. Dabei sei ihm viel später, als seine Mutter darüber redete und er die Feldpostbriefe und weitere Dokumente seiner Familie erhielt, klar geworden, wie wichtig die Beschäftigung mit dieser Thematik ist. Nämlich, um Recht und Unrecht unterscheiden und Haltung zeigen zu können.

Es ist ein berührendes und bewegendes, gleichzeitig persönliches Buch, das ich gerne empfehlen möchte. Die Vertonung mit seiner Band unter dem Titel „Vier Brüder“ steht dem nicht nach.

„Das Buch ist so berührend, weil es diese vier jungen Leben so sichtbar macht. Als ob es gestern gewesen wäre. Ja, es war gestern – und ist heute leider wieder so.“ Udo Lindenberg

Reinhold Beckmann, Aenne und ihre Brüder, Propyläen, August 2023

Reinhold Beckmann und Band, „Vier Brüder“ erschienen auf dem Album „Haltbar bis Ende“, 2021, eindrucksvoll live im Deutschen Bundestag (Youtube)

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Das Batavia-Portal in Bad Bentheim

Bentheim hat ein weiteres Highlight zu bieten: das gestern eingeweihte Batavia-Portal:

Das fünfstündige Symposium war der bemerkenswerte, im Grunde unverzichtbare Auftakt zur offiziellen Einweihung. Die außergewöhnliche Geschichte mit der Aufarbeitung der Thematik, vielfältigen Informationen zur Rekonstruktion und zum hervorragenden Engagement mit dem eindrucksvollen Ergebnis standen im Mittelpunkt. Der Kontext mit der Kolonialgeschichte und der Lokalhistorie kamen nicht zu kurz. Die Einweihung selbst war gut organisiert und bot einen einen angemessenen Rahmen mit vielen Gäste.

Der Standort ist meiner Meinung nach sehr gut gewählt und bietet Raum für Kommunikation. Unter anderem sind dort künftig auch kulturelle Veranstaltungen im kleineren Rahmen möglich, sofern Ideenreichtum und Engagement hinzukommen. Ein lang gehegter Wunsch wird so nebenbei auch noch wahr, etliche Diskussionen waren erforderlich.

Ich freue mich, bei Stadtführungen den Besuchern der Stadt an diesem schönen Ort wichtige Aspekte der Stadtgeschichte näher bringen zu können:

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Ein Leben mit der Musik

Peter Urban (75) ist Radio- und Fernsehmoderator, Musiker, Anglist und d e r Experte in Sachen Rock, Pop, Jazz. Kürzlich konnte ich ihn mal wieder live auf der Bühne erleben; diesmal im Rahmen des „Harbour Front Literaturfestivals“ bei der Vorstellung seiner Lebenserinnerungen „On Air“ in der Altonaer Fabrik und damit in einer meiner absoluten Lieblingslocations.

Peter Urban erzählt mit seiner ruhigen, sonoren Stimme von seiner Kindheit in Quakenbrück, seiner Studienzeit in Hamburg, unterbrochen von längeren London-Aufenthalten mit prägenden Erlebnissen in Musikclubs und Szenevierteln und er berichtet von seinen folgenden Karrierestationen. Der Anglist mit Doktortiel („Die Poesie der Rockmusik“/Fischer) wurde mit seiner Moderation in Jugendprogrammen wie beispielsweise „Musik nach der Schule“ und „Der Club“ bekannt. Das waren Sendungen mit großer prägender Bedeutung für Jugendliche der siebziger Jahre. Mit seinem Insiderwissen und feinem Gespür für die Rockmusik und dessen gesellschaftliche Zusammenhänge arbeitete er nicht nur für den NDR, sondern auch schreibend für meine damalige Hauspostille „Sounds“. Bei der Vorstellung seiner Biografie sorgt er mit seinen Erinnerungen und den Anekdoten zu zahllosen, teilweise freundschaftlichen Begegnungen mit Größen aus der Musikwelt von Harry Belafonte bis Bruce Springsteen, von David Bowie bis Keith Richards, für spannende Unterhaltung. Und natürlich gehörten auch Geschichten zu seiner langjährigen Moderation des Europäischen Songcontests dazu. Ein Wettbewerb und eine Veranstaltung, die für mich überhaupt nur mit Urbans trockener Kommentierung samt seines feinsinnigen Humors konsumierbar war.

Glücklicherweise können wir Peter Urban auch weiterhin hören, und zwar in seinem Podcast „Urban Pop“, in dem er uns an seinem enzyklopädischen Wissen über die ganz Großen der Rockmusik und seine persönlichen Erlebnisse mit ihnen teilhaben lässt. „Urban Pop“ kann man streamen (ARD-Mediathek). Übrigens ist dies ein weiteres Beispiel dafür, dass wir den öffentlich rechtlichen Rundfunk unbedingt brauchen, der uns nicht nur, aber auch mit einem so wertvollen Programm versorgt. Die Rundfunkgebühr ist nicht nur für die Grundversorgung mit Nachrichten und Hintergrundinfos, Sport und Unterhaltung, sondern auch für die kulturelle Dienstleistung ein Schnäppchenpreis. 0,50 € am Tag zahle ich gerne dafür und verzichte vollständig auf Bild- und Welt-TV, RTL und andere von Werbegeldern oder von Interessengruppen abhängige Medien.

Als Keyboarder der Hamburger Band „Bad News Reunion“ kenne ich Peter Urban seit Mitte der siebziger Jahre aus Rocknächten im Logo und der Fabrik. Die Songs der Band und deren gelungenen Coverversionen wie Neil Youngs „Like a Hurricane“ oder Dylans „Like a Rolling Stone“ kann man übrigens ebenfalls streamen. Das empfehle ich fast genauso wie die Biografie „On Air“ und ganz besonders den Podcast „Urban Pop“.

„On Air“, Rowohlt Verlag, 2023

Urban Pop, http://www.ardaudiothek.de + div. Streamingportale

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Weltpressefoto 2023: Luftangriff auf die Geburtsklinik Mariupol

Kürzlich habe ich folgende Aufnahme im Altonaer Museum in der Ausstellung „World Press Photo 2023“ gemacht. Beim „World Press Photo Award“ werden alljährlich die besten internationalen Pressefotografien des jeweiligen Vorjahres ausgezeichnet. Die Ausstellung ist in Kooparation mit den Bildredaktionen von GEO und Stern und demnächst in weiteren deutschen Städten wie in Dortmund zu sehen. Die Aufnahmen aus dem Ukraine-Krieg sind besonders erschütternd!

Text: „Irina Kalinina (32), eine verletzte Schwangere, wird im ukrainischen Mariupol aus der Geburtsklinik getragen, die bei einem russischen Luftangriff getroffen wurde (9. März 2022). Ihr Baby namens Miron (das Wort für Frieden) kam tot zur Welt, eine halbe Stunde später starb auch Irina. Laut OSZE-Berichten hat Russland die Klinik absichtlich angegriffen: drei Menschen starben, 17 wurden verletzt. Nach Ansicht der Jury zeigt das Foto einen Angriff auf die Zukunft der Ukraine.

Evgeniy Maloletka nahm das Bild im Auftrag von Associated Press auf.“

Das Foto mit der Hintergrundinformation spricht für sich. Kommentare unerwünscht.

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