Birth Control auf der Freilichtbühne

Im September 2011 habe ich hier in meinem Blog meine Erinnerungen an das Festival 1974 mit Birth Control auf der Freilichtbühne geteilt. Leider hatte ich bisher kein Bildmaterial. Kürzlich stellte  mir Alexander Bentheim  einige historische Aufnahmen zur Verfügung (Herzlichen Dank!), die ich gerne zusammen mit dem aktualisierten damaligen Blogeintrag präsentiere.

1974 Bentheim Freilichtbühne Birth Control 3 (© Alexander Bentheim)

Die Dachkonstruktion zeugt vom Engagement des Stadtjugendrings, der das Festival natürlich ehrenamtlich auf die Beine gestellt hat.  Bemerkenswert ist auch das zeitgemäße Bühnenoutfit des Gitarristen Bruno Frenzel.

Und auf dem folgenden Foto erkennen wir mindestens zwei Obergrafschafter Zeitgenossen: Andreas K. steht vor der Bühne und Friedhelm S. war bereits damals ganz nah an der Technik dran. Wird noch jemand erkannt?

1974 Bentheim Freilichtbühne Birth Control 1 (© Alexander Bentheim)

Das Festival 1973 auf der Freilichtbühne mit Atlantis und Earth & Fire war mit 2500 Besuchern ein guter Publikumserfolg. 1974 unterstützte  auch die Stadt Bad Bentheim die Neuauflage. Die Stadt trug das finanzielle Risiko für das „Open-Air-Festival“ auf der Bühne, das dann als Veranstaltung im Rahmen der  Deutsch-Niederländischen Kulturtage angekündigt wurde. Partner der Stadt war wieder der Stadtjugendring. Die Freilichtbühne war ebenso beteiligt wie 30 jugendliche Ordner des Jugendrings. 2000 Besucher wurden erwartet und Radio Hilversum, der NDR und das Fernsehen des WDR zeigten sich interessiert. Investiert wurden „8000 Mark zuzüglich Werbungskosten“, schrieben die GN einige Tage vor dem Festival.

Erste Panne vor der Veranstaltung: „Triumvirat“, eine  hoch gehandelte Band,  sagte kurzfristig ab und musste durch „Stormy Monday“ aus Mönchengladbach ersetzt werden. Top-Act war „Birth Control“. Dazu kamen  „Alquin“ aus den Niederlanden (Deutsch-Niederländische Kulturtage) und „Preludium“. Ich besitze noch ein Exemplar des Plakates zum Festival 1974 mit einigen weiteren Detailinfos:

Peter Roeder begann seinen Festivalbericht am 9. September 74 mit dem Satz „Wie sehr eine Überdachung der Zuschauerränge auf der Freilichtbühne fehlt, trat am Sonnabend beim Open-Air-Festival deutlich zutage: Insgesamt etwa 800 überwiegend jugendliche Musikliebhaber verbrachten bei hartem Rock und teilweise strömenden Regen einen stürmischen Abend.“  Wieder einmal stand unser Nordatlantiklima  einem rauschendem Festivalerlebnis im Wege. 1977 sollte es ähnlich sein, aber davon soll irgendwann hier im Bentheim-Blog die Rede sein. Die Veranstaltung wurde jedenfalls zum Zusatzgeschäft für die Stadt. Der Stadtjugendring ging leer aus und es sollte für lange Jahre die letzte Open-Air-Veranstaltung des Stadtjugendrings sein.

Tatsächlich kann ich mich noch an „Stormy Monday“ erinnern, die Blues-Rock spielten und nach meinem Empfinden gar nicht mal  schlecht. Die GN schrieb:“ Die Band spielte lustlos. Auch die Mick-Jagger Masche des französischen Sängers Eric Bourgeois blieb farblos.“ Gelobt wurde in der Zeitung der Auftritt der Nordhorner Band „Preludium“. Ich kann mich nicht mehr erinnern und das lag nicht am „braunen Gerstensaft, der kistenweise auf die Freilichtbühne geschleppt wurde“ (GN vom 9.9.74).

Top-Act war „Birth Control“.  Die Band trat erstmals 1968  in Erscheinung, und zwar mit dem Gründungsmitglied Hugo Egon Balder (späterer Moderator der Sendung mit den Länderpunkten und heutiger Gastronom in Hamburg, Zwick). Bereits 1969 übernahm Bernd „Nossi“ Noske den Platz am Schlagzeug. „Birth Control“ war schon zu jener Zeit bekannt für Rock ohne viel Schnörkel und für hervorragende Live-Qualitäten. Neben Noske waren unter anderem Bruno Frenzel an der Gitarre/Gesang und Bernd Held   an der Orgel/Gesang  dafür verantwortlich. Bekanntester Song war und ist „Gamma Ray“,  ein 20 – Minuten Stück, das auch auf der 74er Live-LP zu hören ist. Kritiker schrieben damals: „Man sollte sie Rockarbeiter nennen“. Besonders auf Nossi Noske traf dies zu. Sein Solo auf Gamma Ray war und ist für mich immer noch ein Highlight des Deutsch-Rock jener Jahre.

Peter Roeder schrieb in den GN: „Die Zuschauer waren begeistert und tanzten plötzlich auf den Bänken…..Die Besucher erklatschten sich drei Zugaben.“   So habe ich es auch in bester Erinnerung.

„Alquin“ war der holländischen Beitrag zum Festival im Rahmen der Deutsch-Niederländischen Kulturtage. Nachdem 1973 „Earth & Fire“ auf der Bühne dabei waren, sorgten jetzt „Alquin“ für Musik außerhalb des damaligen Rock-Mainstreams und „veranlaßten die Besucher zuzuhören. Die Kombination der Musikinstrumente (unter anderem Saxophon, Violine) wurde zuerst belächelt, dann jedoch mit starkem Beifall belohnt „, schrieben die GN.

Ein schönes Festival war es damals, trotz des Regens. Ein außergewöhnliches Ereignis in der ansonsten verschlafenen Kleinstadt, die jetzt  schon eine kleine Festivaltradition vorzuweisen hatte. Ein Highlight war es damals und eine schöne Erinnerung ist es  heute. Und ein bischen geprägt haben diese Events auch. Den Musikgeschmack und mehr noch das Lebensgefühl.

Nachtrag: Vor einigen Jahren war ich in der Nordhorner Alten Weberei zugegen bei einem Doppelkonzert der Bands „Guru Guru“  und „Birth Control“. Und was „Birth Control“ zu bieten hatten, war aller Ehren wert. Mit einem Nossi Noske am Schlagzeug und  einigen  jüngeren  Musikern konnte die Band  begeistern.  „Gamma Ray“ erwies sich immer noch mit einem fulminanten Schlagzeugsolo als Renner des Konzerts. Nossi ist vor sechs Jahren leider verstorben. Bereits 1983 ist Bruno Fenzel an den Spätfolgen eines Stromschlags verstorben. Peter Föller spielt heute noch mit jüngeren Musikern unter dem Namen Birth Control.

Über Kommentare und eigene Erinnerungen, Meinungen und Hinweise würde ich mich sehr freuen. Und die Leser wahrscheinlich ebenso. Danke dafür.

Fotos/Copyright: Alexander Bentheim

 

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Das Bentheimer Paradox

„Frankreich ist ein Paradies, das von Menschen bevölkert ist, die sich in der Hölle glauben“. So zitiert die Welt am Sonntag  am 12.1. einen bemerkenswerten Satz des  französischen Schriftstellers Sylvain Tesson. Und weiter: „Hat man unter dem french paradox einest die hohe Lebenserwartung trotz hohen Weinkonsums verstanden, darf man das Wort heute als Ausdruck eines gesellschaftlichen Widerspruchs auslegen: Wir jammern, also sind wir.“

Fließt in den Adern der Bentheimer*innen noch das Blut der Hugenotten? Bei vielen Gelegenheiten hört man Missfallen, Klagen und oft auch -ich kann es leider nicht anders beschreiben- Meckereien.  Während bei den Franzosen „weder Austern noch Fakten zu einem kollektiven Wohlbefinden führen“, sind es in Bad Bentheim die aus meiner Sicht zahlreichen positiven Entwicklungen in den letzten circa zwölf Jahren, die die Laune zahlreicher Mitbürger*innen nicht heben, sondern verderben. Vor einigen Monaten reagierte ich mit einer E-Mail auf das Pauschalurteil eines alten Freundes. Bentheim habe sich schlecht entwickelt, meinte er. Stimmt überhaupt nicht, so meine Antwort. Im Gegenteil! Meine (hier ergänzte) Antwort:

  • Zahlreiche Gebäude wurden mit Hilfe des Städtebauprogramms von privater Seite saniert: Franziskushospital, Haus Holtkamp, Rentamt, Amtsgericht, Finanzamt, Haus Stoltenkamp, ehemals Pizzeria Vito,  Bistro 1,2,3 und weitere.
  • Etliche Straßenzüge wurden vorbildlich saniert: Ochtruper Straße oben, Gildehauser Straße, Stoltenkampstraße, Wilhelmstraße.
  • Der Schloßpark wird in den nächsten Jahren noch attraktiver durch das Programm „Stadtgrün“.
  • Der Bahnhof erstrahlt in altem Glanz und ist ein Verkehrsknotenpunkt für die Region.
  • Das Bahnhofsumfeld und vor allen Dingen das Kaiserhofgelände sind vom Schmuddelimage befreit. Der Kaiserhof wird saniert.
  • Wir haben eine moderne Grundschule in Bentheim gebaut. In Gildehaus folgt eine neue Wettkampfhalle.
  • Im Krippen- und Kindergartenbereich wird laufend investiert. Am Kaiserhof entstand eine neue KITA.
  • Die Stadt wurde durch Tourismus erheblich belebt. „Frag mal die Gastronomen!“ Ohne florierenden Tourismus sähe es in der Bentheimer Gastronomie noch schlechter aus. Übrigens zum Nachteil der Einwohner.
  • Das Thermalsole- und Schwefelbad expandiert und ist ein großer Trumpf unserer Stadt: Fachkliniken mit inzwischen über 500 Betten, hunderten qualifizierten Arbeitsplätzen, Therapiezentren, Mineraltherme. Auch zum Nutzen der Einwohner.
  • Das Gewerbegebiet Westenberg boomt. Die Arbeitsplätze und Steuereinnahmen will bestimmt niemand missen. Ein Windpark ist dort entstanden.
  • Das marode Freibad in Bentheim und  das Hallenbad in Gildehaus, beide an den ehemaligen Standorten keinesfalls sanierungsfähig, wurden durch einen Badepark ersetzt.
  • „Das Schloßparkcenter hat Kaufkraft nach Bad Bentheim zurückgeholt“, sagt Falk Hassenpflüger, der Interessenvertreter der Gewerbe- und Handeltreibenden von der Industrie- und Handelskammer Osnabrück.
  • Mit dem Treff 10 haben wir ein tolles Jugend- und Kulturzentrum.
  • In der Ochtruper Straße wurde ein Haus für Wohnungslose und somit Notfälle renoviert.
  • Der Familienpass wurde eingeführt. Viele Kinder aus wirtschaftlich schwachen Familien können  durch ihn seitdem beispielsweise Musikschulunterricht nehmen.
  • Die Freilichtbühne konnte auch dank öffentlicher Unterstützung enorm modernisiert werden.
  • Die Dorfgemeinschaftshäuser wurden saniert und werden von der Dorfbevölkerung reichlich genutzt. Als letztes folgt noch Bardel.
  • Endlich gibt es wieder Bauplätze für unsere jungen Familien, die bauen wollen. Der Wohnungsmarkt wird dadurch entlastet. Bei Mehrfamilienhausbebauungen hat die Stadt dafür gesorgt, dass sich Grundstückskäufer zum Bau von mind. 25 % Sozialwohnungen verpflichten. Wohnen bleibt durch diese Maßnahmen bezahlbar. Der Bauverein leistet unverändert hervorragende Arbeit.

Die „Liste der positiven Stadtentwicklung“ ließe sich problemlos fortsetzen. Deutlich werden viele richtige politische Entscheidungen und die Maßnahmen der Stadt und anderer öffentlicher Träger. Vor allen Dingen sind es aber  Institutionen, Unternehmen, Vereine, Gesellschaften und auch Privatpersonen und Investoren, die zu der aus meiner Sicht sehr guten Entwicklung der Stadt beigetragen und sie ermöglicht haben. Und gerade diejenigen, die investieren und zu einer guten Stadtentwicklung beitragen, rufen Kritiker auf den Plan. Wahrnehmung und Fakten stimmen nach meiner Beobachtung häufig nicht überein. Ein Paradox!

Nun gibt es zweifellos genug Probleme und ungelöste Aufgaben in der Stadt. Die Liste reicht von erforderlichen Schulsanierungen bis zu maroden Fußwegen und schlecht ausgebauten Radwegen. Das „Stadtentwicklungskonzept Bad Bentheim 2035“, einstimmig im Stadtrat verabschiedet, gibt Auskunft dazu. Schön wäre es, wenn die Aufgaben mit Optimismus angegangen werden und Nörgeleien durch sachliche Kritik, interessierte Begleitung oder sogar Mitwirkung ersetzt werden.

 

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Guten Rutsch!

Einen guten Rutsch und alles Gute für das neue Jahr wünsche ich allen  Leser*innen meines Bentheim-Blogs!

Bestimmt bleibt in diesen Tagen etwas Zeit für die Zeitungslektüre. Mich hat ein doppelseitiges Interview Gerhard Schröders, abgedruckt in der Silvesterausgabe der GN/NOZ, besonders beeindruckt. Seine Einschätzungen zu den Themenkomplexen Hartz IV/Bürgergeld, zur Ausrichtung der SPD, zum Zustand der Printmedien und zum Verhältnis Deutschlands zu den USA, Russland und Frankreich teile ich komplett.

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Dem Rechtsruck begegnen!

„Aus Angst wird Unmut, aus dem schließlich Wut entsteht“. So beschreibt Olaf Sundermeyer die Ursachen für das Erstarken von Pegida und schließlich der AFD im Osten. Der 46-jährige Dortmunder  hat sich einen Namen gemacht als investigativer Journalist für den Rundfunk Berlin Brandenburg und als Autor. Seine Schwerpunkte: Organisierte Kriminalität (Buch „Bandenland-Deutschland im Visier von organisierten Kriminellen“) und Rechtsextremismus (Bücher „Rechter Terror in Deutschland“ und „Gauland-Die Rache des alten Mannes“). Zuletzt war Sundermeyer als Gast in der Sendung „Hart aber fair“ am vergangenen Montag zu sehen. Thema war die Clankriminalität. Vorher zeigte die ARD Sundermeyers Reportage „Beuteland-Die Millionengeschäfte krimineller Clans“. Als kenntnisreicher  Experte war er Mittwochabend in Nordhorn zu Gast. „Stresstest für die Demokratie-Deutschland nach dem Rechtsruck“ war Titel der Lesung mit Diskussion in der Stadtbibliothek.

Nachgezeichnet wurde zunächst die Entwicklung der rechten Szene im Osten mit Pegida und rechtsextremen Szenen und Gruppen, aus denen sich die AFD als parlamentarischer und „bürgerlicher“ Arm entwickelte. Zentrale Figur war und ist noch Alexander Gauland, den Sundermeyer als alten, kranken und depressiven Mann beschreibt, der mit großem politischen Erfahrungsschatz aus seiner Laufbahn in der CDU die AFD auf Augenhöhe mit der CDU bringen will. Daraus soll nach Gaulands Plänen eine Zusammenarbeit der AFD mit der CDU erwachsen und es sollen als nächstes die Rathäuser erobert werden. In den östlichen Bundesländern treten genau die Entwicklungen aktuell so ein, wie Gauland sie seit Jahren geplant  und damit auch gar nicht hinter dem Berg gehalten hat. Den Marsch durch die Institutionen hat er sich übrigens von den Grünen abgeguckt, die er seit den 1980er Jahren in Frankfurt aus nächster Nähe als CDU-Funktionär erlebte. Dazu gehören auch gezielte Tabubrüche („Vogelschiss“) und  die Etablierung einer Doppelspitze. Gauland als Brandstifter, auf dessen Worte Taten der Rechtsextremisten folgen.

Die Rechtsextremisten der NPD und deren Organisationen oder Pegida spielen im Westen keine wirkliche Rolle. Die AFD dagegen -im Osten als rechtsradikal einzustufen- hat bekanntlich bei Wahlen zu Länderparlamenten auch in westlichen Bundesländern erhebliche Stimmenanteile verzeichnen können. Aber warum können die Rechten unabhängig von ihrem radikalen, gewalttätigen oder bürgerlichen Auftreten in Teilen der Republik wie hier bei uns in der Grafschaft nicht Fuß fassen?  Sundermeyer macht dafür eine funktionierende Zivilgesellschaft verantwortlich. Die Menschen entwickeln daraus eine Immunität. Als gegenteiliges Beispiel nennt er Landschaften und Orte im Osten, in denen es nicht einmal eine Kneipe, eine Kirchengemeinde oder Treffpunkte gibt, in der sich Menschen begegnen, diskutieren und überhaupt das Zusammenleben gestalten können. Einschränkend nennt er Negativbeispiele für das Erstarken rechten Gedankenguts und der AFD auch in unserer Nähe, nämlich in der Bundeswehr und der Polizei.

Sundermeyers ernüchternde Analyse auf den Punkt gebracht: Die NPD hat in den östlichen Ländern die Kraft für Großdemonstrationen, Rechtsextremisten erobern die Orte, die AFD erstarkt im Osten als Volkspartei, kann als rechtsradikal bezeichnet werden  und steht davor, Rathäuser zu erobern. Und in der Ost-CDU gibt es im Gegensatz zur West-CDU eine hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der AFD. Diese Tendenzen werden sich unabhängig von Gaulands Abgang verstärken.

Das sind ganz schlechte Aussichten, und zwar nicht nur für den Osten. Die Diskussion, wie wir dem am Ort, in unserem Ort begegnen können, muss (weiter) geführt werden, wenn wir nicht später den möglichen  Entwicklungen hinterherlaufen wollen.

20180902_115711Ort der Vielfalt

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„Zurückblicken um der Zukunft wegen“


Ein beschämender Antisemitismus begegnet uns in dieser Zeit. Rund um das heutige Datum herum, jedoch selbstverständlich nicht ausschließlich am 9. November, empfinden viele Bentheimer dies als Ausdruck von Geschichtslosigkeit und Geschichtsvergessenheit. Das wurde gestern bei der Eröffnung der kleinen Ausstellung „Stolpersteine – Gedenken und Soziale Skulptur“ im Rathaus (bis 20.11. zu den Öffnungszeiten) deutlich. Der Sitzungssaal war sehr gut gefüllt, als zunächst Gerd Naber vom Forum Juden/Christen zum jüdischen Leben in der Grafschaft informierte und Liesel Schmidt und Hermann de Leve das Projekt Stolpersteine  in Bad Bentheim näher beleuchteten:

  • Jüdisches Leben in Bentheim wird nachgewiesen seit 1655. 1853 entstand die Synagoge. Auch eine jüdische Schule in der Wilhelmstraße kam hinzu. Das Zusammenleben im Ort kann über Jahrhunderte bis zum Beginn der Nazigreuel als passive Toleranz bezeichnet werden. 1933 lebten noch 13 jüdische Familien sowie einige Einzelpersonen in Bentheim und Gildehaus. Die Zerstörung der Synagoge am 9. und 10. November war das Ende der jüdischen Gemeinde. Nur wenige Menschen konnten sich retten und überleben.
  • Im Jahre 1985 wurde in der ehemaligen Poststiege, jetzt Synagogenstiege, der Gedenkstein mit der Inschrift „Nicht sterb ich, nein ich lebe“ und dem abgestorbenen Baum, aus dem neues Leben sprießt, gesetzt. Die Initiative entstammt der reformierten Kirchengemeinde, die etliche jüngere und ältere Mitbürger daran beteiligte. Seit 2004 wurden 53 Stolpersteine in der Stadt gelegt. Bernd Sundhoff und etliche Mitstreiter sorgten für das Gedenken an die ermorderten jüdischen Mitbürger sowie weitere Opfer der Naziherrschaft  in Form dieses Erinnerungsprojektes. Etliche Bentheimer pflegen seitdem die Steine und organisieren jetzt zusammen mit der Stadt jährliche Gedenkfeiern.

Eindrucksvoll wurde bei der Ausstellungseröffnung Sinn und Zweck der Stolpersteine mit den wichtigsten Lebensdaten der Opfer beschrieben: an den Steinen stehen bleiben – sich verneigen und dabei lesend informieren – den Weg fortsetzen. Es ist und es wird wichtig bleiben, die Personen mit ihren Namen und Lebensdaten sichtbar zu machen, die in den Häusern an den Stolpersteinen gelebt haben.

Ich meine, wir haben in Bad Bentheim eine angemessene, würdevolle Erinnerungskultur, die es fortzusetzen gilt. Allen daran Beteiligten ist zu danken und ihre Tätigkeit in diesem Sinn ist es wert, unterstützt zu werden. Besonders wichtig scheint mir dabei zu sein, den Blick auch nach vorne zu richten und junge Menschen zu beteiligen.

Dem Leitspruch niederländischer Initiativen „Zurückblicken um der Zukunft wegen“ kommt daher bei der Lokalgeschichtsschreibung, beim Gedenken an die ermordeten und vertriebenen Opfer und bei der gesamten Erinnerungsarbeit eine besondere Bedeutung zu. Konstantin Wecker hat es in „Sage nein“ so gut auf den Punkt gebracht:

„Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
Wieder Nazi-Lieder johlen,
Über Juden Witze machen,
Über Menschenrechte lachen,
Wenn sie dann in lauten Tönen
Saufend ihrer Dummheit frönen,
Denn am Deutschen hinterm Tresen
Muss nun mal die Welt genesen,
Dann steh auf und misch dich ein:
Sage nein!
Meistens rückt dann ein Herr Wichtig
Die Geschichte wieder richtig,
Faselt von der Auschwitzlüge,
Leider kennt man’s zur Genüge
Mach dich stark und misch dich ein,
Zeig es diesem dummen Schwein
Sage nein!
Ob als Penner oder Sänger,
Banker oder Müßiggänger,
Ob als Priester oder Lehrer,
Hausfrau oder Straßenkehrer,
Ob du sechs bist oder hundert,
Sei nicht nur erschreckt, verwundert,
Tobe, zürne, misch dich ein
Sage nein!
Und wenn aufgeblasene Herren
Dir galant den Weg versperren
Ihre Blicke unter Lallen
Nur in Deinen Ausschnitt fallen.
Wenn sie prahlen von der Alten,
Die sie sich zu Hause halten,
Denn das Weib ist nur ‚was wert
Wie dereinst an Heim und Herd,
Tritt nicht ein in den Verein,
Sage nein!
Und wenn sie in deiner Schule
Plötzlich lästern über Schwule,
Schwarze Kinder spüren lassen,
Wie sie andre Rassen hassen,
Lehrer, anstatt auszusterben,
Deutschland wieder braun verfärben,
Hab dann keine Angst zu schrei’n
Sage nein!
Ob als Penner oder Sänger,
Bänker oder Müßiggänger,
Ob als Priester oder Lehrer,
Hausfrau oder Straßenkehrer,
Ob du sechs bist oder hundert,
Sei nicht nur erschreckt, verwundert,
Tobe, zürne, misch dich ein
Sage nein!“

 

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Believe in magic!

Der Herbst ist da! Anstelle des klassischen Hebbelgedichts (Die ist ein Herbsttag wie ich keinen sah….) oder des Doors-Songs (I love you the best…Indian summer) gibts 2019 in meinem Blog einen weiteren Klassiker: „Herbsttag“ von von Rainer Maria Rilke mit der unvergesslichen letzten Strophe. Und dazu einige knapp kommentierte Schnappschüsse aus dem Bentheimer Wald.

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

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In den Bentheimer Bergen begegnen uns neuerdings Wegmarken mit Sinnsprüchen:

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Auch in den Fürstlichen Tannen in Bardel haben sich Künstler verewigt:

Fratze

Konventionell dagegen das Herz mit Initialen im Lebericht. Susi und Sebastian, Sabine und Stefan oder waren es vor längerer Zeit Sieglinde und Siegfried? Ist es nur eine Erinnerung an einen romantischen Waldspaziergang oder lebt die Liebe auch heute noch? Das werden wir wir nie erfahren!

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Eine Einladung zum Wandern

Wir können uns auf einen sonnigen Herbst freuen, sagen die Meteorologen in ihren Prognosen. Sonntag, der 6. Oktober wird also ein goldener Oktobertag, hoffe ich. Denn an diesem Tag wird die  abschließende Wanderung der Bentheimer Wanderwoche „Wanderbares Bad Bentheim“ stattfinden, zu der ich hier  herzlich einladen möchte. In cirka 6 Stunden und über etwa 20 km geht es ab 9 Uhr durch Steinbrüche und Wälder. Neben dem Natur- und Wandererlebnis wird es einige kurzweilige Infos für die Mitwanderer geben: zur Geschichte und Gegenwart der Freilichtbühne und des Bades, zum Bentheimer Sandstein und  Bentheimer Wald und einiges mehr.

Über viele Mitwanderer/-innen freuen sich der Wanderführer und die   Touristinformation und der VKV Bad Bentheim als Veranstalter. Anmeldungen sind dort unter der Telefonnummer 05922 98330 und unter http://www.badbentheim.de erwünscht. Für den  Teilnehmerbeitrag von 13 € bei einer erwünschten Voranmeldung gibt es auch ein Verpflegungspaket.

Empfehlen möchte ich auch die weiteren Wanderangebote in den Tagen vor dem 6. Oktober, die auch für weniger ambitionierte Wanderfreunde mit kürzeren Touren interessant sind. Im Veranstaltungskalender http://www.badbentheim.de   gibt es nähere Informationen.

Wandern macht Spaß! Und das gilt selbstverständlich unabhängig von der Wetterlage auch bei norddeutschem Nieselregen, Wind oder frischen Temperaturen. Alles eine Frage der Einstellung und der Kleidung!

 

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Multimediales Erlebnis in Gronau: „rock´n´pop museum“

In Gronau hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Wenngleich die Stadtentwicklung mit dem Strukturwandel lange nicht so dynamisch und erfolgreich gestaltet wurde wie in Nordhorn, so kann Gronau durchaus einige Pluspunkte vorweisen. Zuerst natürlich das alljährliche hochkarätige Jazzfestival, das weit ausstrahlt. Ein weiteres  Leuchtturmprojekt stellt das einzigartige „rock´n´pop museum“ dar. Ein Besuch lohnt nach der grundlegenden Umgestaltung mit Neukonzeptionierung erst recht: Die multimediale Aufbereitung des Themas, die Liveatmosphäre bei Konzerteinspielungen und die Ausstellung ausgewählter Relikte macht den Gang zum kurzweiligen Erlebnis.

Über einige Merkwürdigkeiten und kleinere Ärgernisse muss man allerdings dabei hinwegsehen. So funktioniert das Audiosystem nicht einwandfrei. Wenn an einer Themeninsel zu den Rolling Stones dann Pink Floyd die Hintergrundmusik beisteuert trübt diese Tatsache das Erleben. Bei allem Verständnis für den Zwang zur Beschränkung des Riesenthemas verwundert es auch, dass Größen wie Springsteen keine Erwähnung finden, während lokalen niederländischen Bands Platz gegeben wird. Rio Reiser wird zurecht hervorgehoben, während das Genre des Krautrock außen vor bleibt. Und bei der Ausstellung der Relikte finden sich zwar Schuhe von Jan Delay. Das in der alten Ausstellung präsentierte gestrickte Oufit  eines 60er-Jahre Deutschrockers fehlt aber zu meinem Leidwesen. Diese subjektiv empfundenen „Mängel“ können das positive Fazit keineswegs entscheidend beeinflussen. Schließlich gilt es eine Auswahl zu treffen und der niederländische Markt spielt für das Museum sicherlich eine wichtige Rolle.

Das Rock´n´pop Museum Gronau ist für Gronau und die Region ein Alleinstellungsmerkmal, das es auch touristisch zu nutzen gilt. So ist es bestimmt ein willkommenes Schlechtwetterziel für Gäste des Ferienparks und sicher auch der Fachkliniken und damit ein Marketingtrumpf auch für den Tourismusort Bad Bentheim.

20190713_172810Rockmuseum

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Kaninchen können´s besser

Glückwunsch an die Freilichtbühne. Die Premiere heute Abend war aus meiner Sicht einen Riesenerfolg und sollte Auftakt für eine besonders erfolgreiche Spielzeit sein.

„Kaninchen können´s besser“, dazu brauchte es für die Premierenbesucher einiges Vertrauen in die Bühne, denn ein gänzlich unbekanntes Stück und dazu ein doppeldeutiger Titel sind nicht unbedingt ein Garant für einen Publikumserfolg. Der wird sich jedoch hoffentlich einstellen!  Der Auftakt war vielversprechend.

Das Stück mit tausend Missverständnissen und Verwechselungen ist kurzweilig, witzig und richtig gut besetzt. Ich habe mich auch darüber gefreut, dass nicht gesungen wird.

Kurzum mein Tipp für die kommenden lauen Samstagabende: Zur Freilichtbühne pilgern und einen schönen Theaterabend verleben.

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Sonntag ist Wahltag

„..Die Europäische Gemeinschaft….,ein sehr großer industrieller und landwirtschaftlicher Markt……hier war von der Vollbeschäftigung die Rede; es könnte auch die Rede sein von der Landwirtschaft, von der Energieversorgung, vom Umweltschutz, vom Ausbildungswesen, viele dieser Fragen können wir nur gemeinsam und gemeinschaftlich bewältigen….

Wir wollen weder eine Diktatur des Geldes, eine Diktatur der Reichen und der Rabiaten, noch wollen wir eine Diktatur einer kommunistischen Partei; Parteibürokratie. Sondern was wir brauchen ist ein Europa, in dem die Menschen frei sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ein Europa, in dem soziale Gerechtigkeit herrscht, und da ist in manchen Teilen Europas noch vieles nachzuholen, und wir wollen ein Europa der Solidarität, wo einer dem anderen hilft, ein Land dem anderen hilft…..

…Ich denke mit dem Kopf und fühle vom Herzen her, daß nichts wichtiger ist als Gleichheit der Chancen für alle Menschen in Deutschland und in Europa! Und es ist besonders wichtig, überall Gleichheit der Chancen herzustellen für die Frauen…“

Helmut Schmidt sprach diese Sätze am Abend des 4. Mai 1979 auf dem Hamburger Gerhart Hauptmann Platz bei einer Wahlkampfveranstaltung vor der ersten Europawahl in jenem Jahr. Chancengleichheit und Solidarität, das sind nicht nur immer noch zentrale Themen in der Europapolitik, sondern unverändert erstrebenswerte Ziele, die es nunmehr gegen Nationalisten und Populisten durchzusetzen gilt.  Chancengleichheit und Solidarität, davon sind wir in wichtigen Teilbereichen immer noch viel zu weit entfernt. Man denke nur an die schlimme Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa, die natürlich auch uns angeht. Und dennoch gibt es für mich keine Alternativen zum Einsatz für diese Werte, keine Alternative zur europäischen Einigung und engen Zusammenarbeit der europäischen Demokraten. Die Vorgänge in Österreich und anderen Ländern mahnen ebenso wie die Rechten in Deutschland.

Es gibt keine Alternative zur Wahl einer demokratischen Partei am Sonntag!

(Das Redemanuskript kann nachgelesen werden auf der Homepage der Bundeskanzler Helmut Schmidt Stiftung und das Foto habe ich vor einigen Wochen eben dort im Pressehaus der ZEIT aufgenommen).

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