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Die Bentheimer Jugendzentrumsbewegung vor 45 Jahren-Ein Rückblick

Das Unabhängige Jugendhaus feiert in diesen Wochen sein 40jähriges Bestehen. Herzlichen Glückwunsch! Die Voraussetzungen für die offene Jugendarbeit sind heute besser denn je. Der Treff 10 in der Kirchstraße bietet sehr gut geeignete Räume mit einem Veranstaltungssaal, die Stadt stellt Fachpersonal. Neben der offenen Jugendarbeit haben sich Arbeitsschwerpunkte unter anderem mit der Jugendkulturarbeit (Konzertinitiative Alternation) und der Flüchtlingshilfe entwickelt. Das sind gute Aussichten für die offene Jugendarbeit in Bad Bentheim!

Zurecht feiert der Verein mit dem Gründungsjahr 1978 sein Jubiläum. Der Ruf nach einem Jugendzentrum wurde jedoch schon einige Jahre vorher laut, nämlich ab  1972. Über diese Entwicklungen möchte ich gerne in einem ersten Teil „Die Jugendzentrumsbewegung in Bentheim“ berichten. Im zweiten Teil soll dann der Neustart des Jugendhauses in der Framnziskkusstraße ab 1981 näher beleuchtet werden. Zu beiden Aspekten kann ich aus eigenem Erleben berichten.

Die Jugendzentrumsbewegung in Bentheim

Im Anschluss an die bekannte und oft zitierte 68er-Bewegung entstanden zu Beginn der 1970er-Jahre bundesweit ganz unterschiedliche soziale Bewegungen wie die Dritte-Welt-, Hausbesetzer- und eben auch die Jugendzentrumsbewegung. In der Grafschaft formierten sich die Jugendinitiative Nordhorn (JINOH), in Schüttorf die JISCH und bei uns in Bentheim zunächst der Stadtjugendring als Zusammenschluss verschiedener Jugendorganisationen. Mit dessen Gründung am 1. Juni 1972  wurde das Ziel verfolgt, „Jugendarbeit in Bentheim zu ermöglichen und die Forderung nach einem freien Jugendzentrum durchzusetzen“. Die Stadt stellte tatsächlich zunächst einen kleinen Raum im alten evangelischen Kindergarten zur Verfügung und versprach eine weitergehende Lösung mit dem Mühlenstumpf in der Mühlenstraße neben der Jugendherberge. Der alte Kindergarten  entwickelte sich vor dem Abriss und Neubau der Orientierungsstufe (heute Realschule) tatsächlich zu einem Treffpunkt. Etwa 20 bis 30 Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren saß dort regelmäßig in großer Runde beisammen und diskutierten. Ein großer Diskussionskreis als Samstagabendvergnügen! Es wurde Bier getrunken, nach meiner Erinnerung in Maßen. Der Jahreswechsel 1972/1973 wurde dort gefeiert und im März eine Karnevalsfete, die allerdings ein Verbot weiterer Feierlichkeiten wegen Ruhestörung der im Obergeschoss wohnenden Mieter nach sich zog. Bei einer Podiumsdiskussion und einer Jugendringvollversammlung wurden von den Vertretern der Stadt Zugeständnisse gemacht: Der Kindergarten sollte Jugendzentrum werden. Als Knackpunkt kristallisierte sich bereits zu diesem Zeitpunkt heraus, dass es an einer rechtlich abgesicherten Dachorganisation mangelte, da die Stadt selbst unter gar keinen Umständen als Träger fungieren wollte. Ein Lösungswille für diese Problematik ließen die Stadtoberen vermissen. Und Personal hierfür einzustellen war nicht im Vorstellungsbereich von Rat und Verwaltung.

Am 6. Juli 1973 gründete sich dann die Jugendinitiative Bentheim (JIB), um unabhängig vom Stadtjugendring die Forderung nach einem unabhängigen und freien Jugendzentrum durchsetzen zu können. Ich bin immer noch im Besitz des Protokolls dieser Gründungsversammlung, das mittels eines der damals üblichen, mit Spiritus arbeitenden  Matritzendruckers vervielfältigt wurde:

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Zum Auftakt der Gründungsveranstaltung hielt Hans-Dieter Schrader (Abu) ein auch aus heutiger Sicht gelungenes Grundsatzreferat. Thema: „Zum Selbstverständnis einer Initiativgruppe“.  Dem Matritzendrucker sei Dank, denn mir liegt ein blau getränkter gelblicher Zettel  mit diesem Referat vor: „…es ist völlig falsch, die Initiative völlig  durchzuorganisieren…wird spontanes Handeln durch übertrieben bürokratischen Organisationsaufbau sehr erschwert.“ Gleichwohl wird unter Tagesordnungspunkt 2 eine Satzung verabschiedet. Unter 3. wird dann mit Wolfgang Kleinekemper (30 Stimmen ) und 6 weiteren jungen Bentheimern (ausschließlich junge Männer)  mit 13 bis 24 Stimmen ein Vorstand gewählt. In den folgenden 12 Monaten wurde mit allen Mitteln um die Einrichtung eines Jugendzentrums gekämpft. Ein Aufgabenzettel der JIB, der mir als ebenfalls als Matritzendruck noch vorliegt, zeigt es. Hier einige Auszüge: : „1. Öffentlichkeitsarbeit: Flugblätter schreiben, Handzettel schreiben, Presseartikel schreiben, Leserbriefe schreiben, Plakate besorgen. 2. Organisation: Aktionen organisieren, Infostand organisieren, Unterschriftenaktion starten. 3.: Verhandlungen, Gespräche mit der Stadt: Bei Stadtratssitzungen, beim Jugendausschuß, bei Gesprächen mit einzelnen Ratsherrn. Hier müssen permanent und massiv die Forderungen und Ziele der JIB und des Stadtjugendrings zur Geltung gebracht werden. 4. Koordination: betrifft insbesondere Gildehaus und Schüttorf. 5. Bündnispolitik.

Zu den Aktivitäten gehörte auch ein Leserbrief in den Grafschafter Nachrichten im Oktober 1973 unter der Überschrift „Die Treffpunkte der Bentheimer Jugend“. Der Leserbrief der vier 16jährigen Obergrafschafter ist sehr authentisch und ich zitiere ihn daher vollständig und mit einem Augenzwinkern: „Wenn man das Bedürfnis hat, sich am Samstagabend außerhalb des Hauses mit anderen Jugendlichen zu unterhalten, ist man auf kommerzielle Diskotheken oder auf ein kirchliches Jugendheim angewiesen, das man regelmäßig besuchen kann. Abgesehen davon, daß die Preise zu hoch sind (kleines Pils 1,50 DM) ist die eine Diskothek erst ab 18 Jahren zugänglich. Zwar sind die Preise im kirchlichen Jugendheim erschwinglich, doch herrscht auch hier, wie in den beiden anderen Diskotheken der Trinkzwang. Wenn man nichts trinken möchte, wird man vor die Tür gesetzt. Kürzlich wurde bedauerlicherweise gerade im kirchlichen Jugendheim ein Jugendlicher brutal rausgeschmissen, nachdem er versehentlich einen Aschenbecher zerbrach. Wir, und die sich friedlich für ihn einsetzten, bekamen Hausverbot. Wir glauben allerdings, daß dieser Vorfall nicht im Sinne des Pastors war. Da sich den Jugendlichen Bentheims keine andere Möglichkeiten anbieten, ordnen sie sich diesen ungerechten Zwängen unter und besuchen obengenannte Einrichtungen. Wir und mit uns viele andere Jugendliche glauben, daß man einem selbstverwalteten freien Jugendzentrum eine sinnvollere und angenehmere Freizeitgestaltung ausüben kann. Deshalb würden wir die Einrichtung eines FJS sehr begrüßen, und glauben, daß wir im Namen vieler Jugendlicher sprechen. Unterschriften von:

Stephan B., Friedbert P., Manfred F., Wolfgang W.

Weder Leserbriefe, Unterschriftensammlungen, Podiumsdiskussionen und mehr führten zum Erfolg, nämlich einem freien und selbstverwalteten Jugendzentrum. Zitat der JIB im Sommer 1974:  „Wir wollen jetzt endlich den vielen schönen Worten auch Taten folgen sehen. Oder halten es die Bentheimer Politiker (besonders der CDU) nicht für nötig, den Jugendlichen gegenüber ihre Versprechen zu halten?“ Während einige Kräfte aus Verwaltung und Politik mit realen oder vorgeschobenen Argumenten erfolgreich auf Zeit spielten, ebbte das Engagement der Jugendlichen ab. Ausbildung, Studium,  neue Orientierungen  wurden wichtiger. Erst 1978, nachdem sich der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband und der damals existierende „Ring Politische Jugend“ (Zusammenschluss Bentheimer politischer Jugendorganisationen) einschalteten, konnte über eine Vereinslösung (UJH) ein Jugendzentrum mit Personal eingerichtet werden.

Was bleibt? Für die Jugendlichen, die heute ins Rentenalter kommen, war es ein  Lehrstück. Gelernt wurde, was in der Demokratie geht, welcher Widerstände es geben kann, wie man seine vermeintlichen oder realen Rechte in die Hand nehmen und durchsetzen kann-oder dies eben zunächst nicht gelingt. Jedenfalls war es selbst organisierte politische Bildung, die Spuren hinterlassen hat und obendrauf eine Jugendkultur, die auch noch Spaß gemacht hat. In jedem Fall war es ebenfalls eine neue Form politischen Engagements, ein Vorgeschmack auf die Anti-AKW- und Friedensbewegung einige Jahre später.

Nachtrag

Frühjahr 2018: Über 80 Bentheimer Schüler/-innen nehmen während der Schulzeit an einem sehr lobenswerten Projekt der Stadt teil.  Bei „Pimp your town“, einem mehrtägigen und professionell moderierten Jugendbeteiligungsprojekt wird Demokratie geübt und gelernt. Herbst 2018: Zwei Ergebnisse des Projekts werden dem Stadtrat zur Verabschiedung und Realisierung vorgelegt: „Mülleimer in öffentlichen Toilettenkabinen in Damentoiletten“ und „Wasserspender oder Trinkbrunnen aufstellen“. Wie sich die Zeiten doch ändern!

 

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Bentheim im Wandel

„Bentheim im Wandel“ war heute ein Kommentar bei Facebook zum Abriss der Schule in der Marktstraße. Wandel und gleichzeitig Kontinuität wird dem Autor in diesen Tagen auf einem ganz anderen Gebiet deutlich, nämlich in der Kinder- und Jugendkultur. Es gab ein kleines Jubiläum zu feiern: Das Figurentheater „Fantasia“ in Person von Stephan Teuber aus einem Dorf bei Kappeln an der Schlei war zu Gast. Bei den Bad Bentheimer Kindertheatertagen spielte er sein Stück „Dicke Freundschaft-dünner Faden“ in der neuen Grundschule zur großen Freude der Kinder und auch der Eltern, die die einstündige Figurentheatervorstellung sichtlich vergnügt und am Ende applaudierend genossen. Hier ein kleiner Eindruck der Hauptpersonen (Foto: Teuber):

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Gleichzeitig war dieser Auftritt ein Jubiläum der besonderen Art, denn vor fast ganz genau 25 Jahren spielte Stephan Teuber genau dieses Stück schon einmal in Bad Bentheim. Am Sonntag, den 17. April 1988 um 16.00 Uhr gastierte Teuber im Saal der heutigen Kulisse in der Kirchstraße. Der Stadtjugendring hat damals eingeladen und in den GN am 22.2.1988 hieß es: „Der Stadtjugendring will mit diesen Veranstaltungen abseits des Medienkonsums der Kinder einen Kontrapunkt setzen. Er verspricht dabei viel Spaß und Aktion im Theater. Die bisherigen Erfahrungen hätten gezeigt, daß dieses Konzept ankommt. Der Stadtjugendring hofft, daß diejenigen Kinder, die seine Theaterangebote bisher nicht angenommen haben, auch durch ihre Eltern angespornt oder von ihren Eltern begleitet werden“. Aktueller geht es ja kaum einschließlich des Hinweises auf den Medienkonsum. Und auch die Hoffnung auf theateraffine Eltern, die ihre Kinder zum Theater hinführen und sie begleiten, ist aktuell, denn einige Plätze blieben am Sonntag an dem tollen Aufführungsort in der Grundschule leider leer. Schade, dieses Figurentheater hätte ebenso wie die anderen Aufführungen der Kindertheatertage sicher Kinder und Eltern gleichermaßen begeistert. Die nächste Chance gibt es am 10. März. Titel des Figurentheaterstücks ist dann: „Albin und Lila – oder: können Schweine Hühner lieben?“ Wenn das nicht vielversprechend ist! Karten gibt es schon in der Touristinformation und bei Spielwaren Bonikowski.

Einen Hinweis konnte der Autor sich bei der Begrüßung der Besucher am Sonntag nicht verkneifen, nämlich die Frage, ob unter den Eltern von heute vielleicht auch die Kinder vom April 1988 seien. Es hat sich keiner gemeldet, aber wer weiß schon?

„Bentheim im Wandel“, auch auf kinder- und jugendkulturellem Gebiet, das war die Ausgangsfrage. Demnächst sollen  hier im Bentheim-Blog einige Aspekte dazu beleuchtet werden. Dann geht es um einen früheren „Briefmacker“, der regelmäßig in Bentheim zu Gast war. Um einen Kabarettisten, der später einmal Stadionsprecher im größten deutschen Fußballstadion werden sollte und vorher Theater-Comics für die Bentheimer Jugend servierte und um den späteren Megaseller „Knister“, der ebenfalls zu Beginn seiner Karriere in Bentheim auftrat. Der Vergleich mit der heutigen Jugendkultur ist interessant. Eines vorweg: Es gibt -so soll es sein-  den Wandel und es gibt Kontinuität.

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Festival 1974

Am 10. Juli habe ich in diesem Blog unter dem Titel „Atlantis in Bentheim“ eine kleine Serie mit Berichten zur Bentheimer Festivalgeschichte gestartet. Die Resonanz war ermutigend. Viele Leute, darunter etliche alte Bekannte und Freunde, zeigten großes Interesse am nostalagischem Rückblick. Und wie versprochen folgt jetzt endlich ein Beitrag zum Bentheimer Festival 1974.

Zunächst mal wieder eine kleine geschichtliche Einordnung. Was passierte 1974 in der Grafschaft?  Im Nordhorner Capitol läuft  am 8.8.1974 „Ob Dirndl oder Lederhos-gejodelt wird ganz wild drauf los“. Außerdem gibt es in Nordhorn Sorgen um den Abbruch des Jugendzentrums. In Bentheim wird das „Kur- und Erholungszentrum Funkenkamp“ der  Öffentlichkeit übergeben (heute einfach Schloßpark genannt). Und die „Palette“ (ein Getränkefachmarkt/wer erinnert sich noch?)  hat eine tolle  Marketingstrategie entwickelt und wirbt in den GN:  „Sonderangebot – 1 Kiste Union Siegel Pils + 1 Liter Schierhölter Korn – DM 19,50“. Ungelogen: 1 Liter, das Siegel-Pils will schließlich runtergespült werden!! (der Verfasser).

Das Festival 1973 auf der Freilichtbühne mit Altlantis und Earth & Fire war mit 2500 Besuchern ein guter Publikumserfolg. 1974 unterstützte  auch die Stadt Bad Bentheim die Neuauflage. Die Stadt trug das finanzielle Risiko für das „Open-Air-Festival“ auf der Bühne, das dann als Veranstaltung im Rahmen der  Deutsch-Niederländischen Kulturtage angekündigt wurde. Partner der Stadt war wieder der Stadtjugendring mit Helga Großkopf an der Spitze. Und die Freilichtbühne war ebenso beteiligt wie 30 jugendliche Ordner des Jugendrings. 2000 Besucher wurden erwartet und Radio Hilversum, der NDR und das Fernsehen des WDR zeigten sich interessiert. Investiert wurden „8000 Mark zuzüglich Werbungskosten“, schrieben die GN einige Tage vor dem Festival.

Erste Panne vor der Veranstaltung: „Triumvirat“, eine  hoch gehandelte Band,  sagte kurzfristig ab und musste durch „Stormy Monday“ aus Mönchengladbach ersetzt werden. Top-Act war „Birth Control“. Dazu kamen  „Alquin“ aus den Niederlanden (Deutsch-Niederländische Kulturtage) und „Preludium“. Hier das Plakat zum Festival 1974 mit einigen weiteren Detailinfos:

Peter Roeder begann seinen Festivalbericht am 9. September mit dem Satz „Wie sehr eine Überdachung der Zuschauerränge auf der Freilichtbühne fehlt, trat am Sonnabend beim Open-Air-Festival deutlich zutage: Insgesamt etwa 800 überwiegend jugendliche Musikliebhaber verbrachten bei hartem Rock und teilweise strömenden Regen einen stürmischen Abend.“  Wieder einmal stand unser Nordatlantiklima  einem rauschendem Festivalerlebnis im Wege. 1977 sollte es ähnlich sein, aber davon wird erst in einigen Wochen hier im Bentheim-Blog die Rede sein. Die Veranstaltung wurde jedenfalls zum Zusatzgeschäft für die Stadt. Der Stadtjugendring ging leer aus und es sollte für lange Jahre die letzte Open-Air-Veranstaltung des Stadtjugendrings sein.

Tatsächlich kann ich mich noch an „Stormy Monday“ erinnern, die Blues-Rock spielten und nach meinem Empfinden gar nicht mal  schlecht. Die GN schrieb:“ Die Band spielte lustlos. Auch die Mick-Jagger Masche des französischen Sängers Eric Bourgeois blieb farblos.“ Dafür bewies der Sänger Humor bei der Wahl seines Künstlernamens, finde ich.  Gelobt wurde in der Zeitung der Auftritt der Nordhorner Band „Preludium“. Ich kann mich nicht mehr erinnern und das lag nicht am „braunen Gerstensaft, der kistenweise auf die Freilichtbühne geschleppt wurde“ (GN vom 9.9.74).  Vielleicht können Leser dieses Blogs etwas zu Preludium berichten?

Top-Act war „Birth Control“.  Die Band trat erstmals 1968  in Erscheinung, und zwar mit dem Gründungsmitglied Hugo Egon Balder (späterer Moderator der Sendung mit den Länderpunkten und heutiger Gastronom in Hamburg, Zwick). Bereits 1969 übernahm Bernd „Nossi“ Noske den Platz am Schlagzeug, den er bis heute hält (dazu später). „Birth Control“ war schon zu jener Zeit bekannt für Rock ohne viel Schnörkel und für hervorragende Live-Qualitäten. Neben Noske waren unter anderem Bruno Frenzel an der Gitarre/Gesang und Bernd Held   an der Orgel/Gesang  dafür verantwortlich. Bekanntester Song war und ist „Gamma Ray“,  ein 20 – Minuten Stück, das auch auf der 74er Live-LP zu hören ist. In meinem Regal fand ich es eben zwischen den Beatles und den Beach Boys. Na ja, und trotzdem, das Zitat auf dem ansonsten immer noch geschmacklosen Cover trifft es: „Man sollte sie Rockarbeiter nennen“. Besonders auf Nossi Noske traf dies zu. Sein Solo auf Gamma Ray war und ist für mich immer noch ein Highlight des Deutsch-Rock jener Jahre.

Peter Roeder schrieb in den GN: „Die Zuschauer waren begeistert und tanzten plötzlich auf den Bänken…..Die Besucher erklatschten sich drei Zugaben.“   So habe ich es auch in bester Erinnerung. Ich gehörte zu denen , die bei Birth Control „in der Ecke stehend den Kopf auf und ab werfen“ („Record Mirror“  laut “ Rock in Deutschland“/Taurus 1975).  Nur mittendrin wars…

„Alquin“ war der holländischen Beitrag zum Festival im Rahmen der Deutsch-Niederländischen Kulturtage. Nachdem 1973 „Earth & Fire“ auf der Bühne dabei waren, sorgten jetzt „Alquin“ für Musik außerhalb des damaligen Rock-Mainstreams und „veranlaßten die Besucher zuzuhören. Die Kombination der Musikinstrumente (unter anderem Saxophon, Violine) wurde zuerst belächelt, dann jedoch mit starkem Beifall belohnt „, schrieben die GN.

Ein schönes Festival war es damals, trotz des Regens. Ein außergewöhnliches Ereignis in der ansonsten verschlafenen Kleinstadt, die jetzt  schon eine kleine Festivaltradition vorzuweisen hatte. Ein Highlight war es damals und eine schöne Erinnerung ist es  heute. Und ein bischen geprägt haben diese Events auch. Den Musikgeschmack und mehr noch das Lebensgefühl.

Nachtrag: Im letzten Jahr war ich in der Nordhorner Alten Weberei zugegen bei einem Doppelkonzert der Bands „Guru Guru“ (auf die Gurus komme ich in einigen Wochen bei meinem Bericht zum Festival 1977 zurück) und „Birth Control“. Und was „Birth Control“ zu bieten hatte, war aller Ehren wert. Mit einem Nossi Noske am Schlagzeug und  einigen  jüngeren  Musikern konnte die Band  begeistern.  „Gamma Ray“ erweist sich immer noch (mit einem fulminanten Schlagzeugsolo) als Renner des Konzerts. Respekt! Es lohnt sich, mal rein zu hören in eine der über 25 LP`s und CD`s  der Band oder auch einmal ein Konzert zu besuchen (nächste Woche in Lengerich/Info auf der Homepage), denn BC  ist immer noch agil. Und das ist auch gut so! Informieren kann man sich unter  birth-control.de      Viel Spaß dabei!

Über Kommentare und eigene Erinnerungen, Meinungen und Hinweise würde ich mich sehr freuen. Und die Leser wahrscheinlich ebenso. Danke dafür.

In einigen Wochen werde ich in meinem Blog über das Festival 1977 an der Freilichtbühne schreiben. Vorher gibts mal wieder eine kleine Preisfrage zu diesem Ereignis. Reingucken lohnt sich also.

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Atlantis in Bentheim

„Allein, allein“ war heute Nacht (fast) der Schlusspunkt eines tollen  Festivalwochenendes. War nett anzuhören mit einem kühlen Weißwein bei angenehmen Temperaturen  im heimischen Garten. Beeindruckt bin ich immer noch vom ehrenamtlichen Engagement der Konzertinitiative und des Jugendhauses. Das erinnert schon ein bisschen an die frühen Tagen der Bentheimer Festivalgeschichte und aus diesem Grund möchte ich heute eine kleine  Serie starten. Zurückblicken möchte ich auf die Festivals in den 1970er  Jahren auf und an der Freilichtbühne. Den Anfang macht das Festival 1973.

Eine kleine lokalhistorische, persönlich eingefärbte Einordnung zu Beginn. In meinem Kalender (Roter Kalender 1973) finden sich beispielsweise Einträge zu den Freilichtbühnenpremieren.  Schluck und Jau war das Abendstück mit meinem Klassenlehrer Siegfried Schulz und Horst Hauke in den Hauptrollen. Ich spielte auch mit. Am 3. März spielte Omega in Gildehaus und am 8. September die Backwater Bluesband im Nordhorner Jugendzentrum. Im lutherischen Gemeindehaus in der Schüttorfer Straße wurden Filme gezeigt (Beispiel: „Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“). Dann wurde in Gildehaus das Jugendzentrum eröffnet. Die Band Molotow spielte am 11. November in Schüttorf. Wenn ich mich richtige erinnere, dann war das nachmittags im ev-reformierten Gemeindehaus. Und im Februar  finden sich erste Einträge zum heutigen Blogthema:  Treffen SJR im Kindergarten / Musikausschuss.

Im Stadtjugendring, dem Zusammenschluss Bentheimer Jugendverbände, wehte frischer Wind. Einige ältere Jugendliche im Vorstand des SJR hatten sich auf die Fahne geschrieben, die Jugendkultur am Ort anzukurbeln. Die Idee eines unabhängigen Jugendzentrums wurde diskutiert und mündete bald in die Gründung einer Jugendinitiative.  Und es wurden Veranstaltungen organisiert. Ich erinnere mich an ein Konzert mit einem australischen Folksänger, Brian Mooney oder ähnlich,  im altreformierten Gemeindehaus. Und es wurden Pläne für ein Open-Air geschmiedet. Treffpunkt war der alte Kindergarten in der Brennereistraße. Die Stadt stellte einige Räume für Treffen zur Verfügung und so kam der progressive und bewegte Teil der Bentheimer Jugend dort zu geselligen Runden Samstag abends zusammen. Kopf der Gruppe war nach meiner Erinnerung Helga Großkopf, die sich besonders für das Festival engagierte. Der Kontakt zu einem angeblichen „Manager“ aus Rheine, der über Beziehungen in die Musikszene verfügte und finanzielle Mittel einbrachte, erleichterte die Sache etwas. Und so tauchten dann irgendwann im Frühsommer die ersten Plakate  auf Verteilerkästen und den Bäumen in der Bahnhofstraße auf:

Für mich war es eine Riesensache, denn ich war wahrscheinlich der größte Fan der Gruppe Frumpy weit und breit.  „Frumpy Live“ und „By the way“ liefen dauernd auf meinem Telefunkenplattenspieler.  Den kompletten Text der By the way-LP  hatte ich bald drauf. Im Juni kaufte ich (übrigens meistens bei GOVI im Versand oder im Laden in der Wandsbeker Chaussee, wenn sich noch jemand daran erinnert)  dann „Atlantis“, die erste LP der Nachfolgeband von Frumpy. Als Headliner waren dann noch Earth & Fire aus Holland und Sandy Coast angekündigt. Daneben die lokalen Bands Omega aus Schüttorf/Bentheim und Moloch aus Rheine.

Die GN titelten  am 5. Juni 1973 „Heißer Rock in Bentheim“. Der damalige Redakteur der GN in Bentheim, Peter Röder, hatte  stets ein großes Herz für die Jugendthemen am Ort und half mit einem ausführlichen Artikel: …“Der Stadtjugendring rechnet mit 2500 Besuchern. Ungefähr 30 Jugendliche stellen sich für den Ordnungsdienst zur Verfügung…. “ Und weiter: „Die im Grafschafter Raum bekannten Gruppen Omega und Moloch werden zu Beginn des Festivals die Zuschauer anheizen. In der Reihenfolge ihres Eintreffens werden dann die niederländische Band Sandy Coast, die Hamburger ex Frumpy Atlantis und die aus Den Haag kommenden Earth & Fire mit ihrer Light-Show konzertieren“.

Das Wetter spielte mit am 16. Juni, am Tag vor dem „Tag der deutschen Einheit“.  Peter Röder titelte einige Tage später in den GN wieder „Heißer Rock  auf Freilichtbühne“:

„Rund 2000 jugendliche Besucher, ideale Witterungsverhältnisse, zufriedene Gesichter beim Veranstalter und ein hervorragender Sound….Fünf teilweise weltberühmte Gruppen stellten sich dem Publikum… Den größten Erfolg buchten die Hamburger „Atlantis“ mit der Vocalistin Inga Rumpf für sich. Etwas enttäuscht zeigte sich das fachkundige Publikum von den Holländern „Earth & Fire“.

Genau so war es. Zunächst spielten Omega mit Rolf Menzinger, Hartmut Mayer, Wolfgang Klaas und Helmut  Reichel. Damals neben der Nordhorner Backwater Bluesband die angesagteste Band in der Grafschaft. War bestimmt eine große Sache für die Gruppe, vor großem Publikum und nicht immer nur bei Steggewentze  im Saal zu spielen. In guter Erinnerung behalten habe ich die Omegaversion von „Locomotive Breath“ und „Bouree“ jeweils von Jethro Tull.  Eigenkompositionen gehörten auch zum Repertoire.

Frumpy waren nicht nur für mich der Knaller, ein Riesenerlebnis, ein Besuch aus einer anderen Welt im biederen Bentheim.  In den Folgejahren habe ich Atlantis, später wieder Frumpy und Inga Rumpf mit anderen Projekten oft live gesehen. Meistens in Hamburg, aber auch irgendwann in der Scheune in Nordhorn. Nur die inzwischen legendären Konzerte im Michel habe ich leider verpasst. Im Blogroll findet der Leser einen Link zu Inga Rumpfs Homepage, die ich empfehlen möchte. Vielleicht sehen wir uns ja mal bei einem ihrer Konzerte.

Earth&Fire enttäuschten: Peter Röder schreibt dazu: “ Earth & Fire“ zeigten Staralluren. Erst durch ein mehrminütiges Pfeiffkonzert ließen sich die weltberühmten Holländer herab. Und was sie dann brachten, veranlaßte viele Besucher, nach Hause zu gehen… Sie übertrieben die technische Spielerei…Der einzige, der bei diesem Auftritt alle Register seines Könnens zog, war der Toningenieur, der Aktion auf seinen Schiebern vorspielte…“. So ähnlich habe ich es auch in Erinnerung. Nur der Hit der Band „Maybe tomorrow, maybe tonight“ überzeugte. Und die Light – Show war durchaus spektakulär, psychedelisch angehaucht.  In dem Zusammenhang: an Alkoholexzesse, Betrunkene und ähnliche Erscheinungen kann ich mich nicht erinnern, das war wohl kein Thema. Allerdings roch es manchmal harzig…. Ach ja, und bei den Konzerten und Festivals in jener Zeit kam man sich zwischenmenschlich schnell näher und zeigte das dann auch.

Die Auftritte von Sandy Coast und Moloch sind bei mir in Vergessenheit geraten. Möglicherweise zu Recht oder kann jemand etwas dazu berichten?

Das erste Open-Air auf der Bentheimer Freilichtbühne -übrigens noch vor Einbau der „neuen Sitzbänke“ und daher mit größerer Zuschauerkapazität – war für alle Beteiligten ein Riesenerfolg und gleichzeitig der Grundstein für eine jahrzehntelange Festivaltradition in der Obergrafschaft.  Demnächst werde ich über das Festival 1974 auf der Freilichtbühne schreiben, allerdings wird der Blog kürzer ausfallen. Die Reihe wird dann fortgesetzt.

Übrigens: an Fotomaterial oder anderen Zeugnissen des Festivals bin ich sehr interessiert. Ich habe jetzt gehört, dass  sogar Filmmaterial existieren  soll. Und Kommentare und eigene Erinnerungen sind in meinem Blog immer sehr willkommen!

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Warum Kommunalpolitik?

Heute erschien sie in der Zeitung, die SPD-Liste für die Stadtrats- und Kreistagswahlen am 11. September. Ich bin wieder dabei und bewerbe mich für den Stadtrat und den Kreistag.

Warum eigentlich?  Frage ich mich auch manchmal. Versuch einer knappen Antwort: vor knapp 20 Jahren bin ich in die Kommunalpolitik eingestiegen, dann Stadtrat geworden und  in verschiedenen Funktionen dabei geblieben. Weil man tatsächlich Einfluss nehmen kann auf die Entscheidungen am Ort, weil man gemeinsam mit anderen etwas bewirken kann.

Einige Beispiele:  In diesen Tagen haben wir den Grundstein für eine neue, schönere Grundschule gelegt. Vor kurzem wurde in Bentheim der Familienpass eingeführt. Jetzt können zum Beispiel auch Kinder aus Familien mit geringem Einkommen Unterricht an der Musikakademie nehmen. Und es wurde entschieden, dass junge Leute in Bentheim besser beteiligt werden und eigene Ideen umsetzen können. Die Kulisse bekommt endlich bessere Räumlichkeiten, die Wilhelmstraße ist jetzt eine Fußgängerzone. In der Bahnhofstraße wurden neue Bäume gepflanzt und keine Parkbuchten gebaut. Die Aufzählung könnte ich lange fortsetzen…

An diesen und weiteren Entwicklungen mitzuwirken macht für mich Sinn, auch wenn manchmal zu viel Zeit dafür aufzuwenden ist und ab und an  mal Ärger damit verbunden sein kann.

Sich einmischen, mitgestalten, das ist nun mal mein Ding. Früher in der Jugendinitiative, später im Stadtjugendring und dann in verschiedenen sozialen Vereinen.

Dieser Blog soll nun aber keineswegs die kommunalpolitischen Themen in den Vordergrund stellen. Dafür gibt es andere Seiten, die ich noch verlinken werde. Kommunalpolitik gehört nun mal dazu, weil es unser Lebensumfeld direkt betrifft. Diese  Themen will ich aufgreifen, sie sollen aber nicht diesen Blog dominieren.  Denn in Bentheim gibt es aus meiner Sicht glücklicherweise genug aus den Bereichen Soziales, Kultur, Sport, einfach auch Unterhaltsames zu kommentieren. Das werde ich tun.

PS: Vielen Dank für die positive Resonanz!

 

 

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