Monatsarchiv: November 2019

Dem Rechtsruck begegnen!

„Aus Angst wird Unmut, aus dem schließlich Wut entsteht“. So beschreibt Olaf Sundermeyer die Ursachen für das Erstarken von Pegida und schließlich der AFD im Osten. Der 46-jährige Dortmunder  hat sich einen Namen gemacht als investigativer Journalist für den Rundfunk Berlin Brandenburg und als Autor. Seine Schwerpunkte: Organisierte Kriminalität (Buch „Bandenland-Deutschland im Visier von organisierten Kriminellen“) und Rechtsextremismus (Bücher „Rechter Terror in Deutschland“ und „Gauland-Die Rache des alten Mannes“). Zuletzt war Sundermeyer als Gast in der Sendung „Hart aber fair“ am vergangenen Montag zu sehen. Thema war die Clankriminalität. Vorher zeigte die ARD Sundermeyers Reportage „Beuteland-Die Millionengeschäfte krimineller Clans“. Als kenntnisreicher  Experte war er Mittwochabend in Nordhorn zu Gast. „Stresstest für die Demokratie-Deutschland nach dem Rechtsruck“ war Titel der Lesung mit Diskussion in der Stadtbibliothek.

Nachgezeichnet wurde zunächst die Entwicklung der rechten Szene im Osten mit Pegida und rechtsextremen Szenen und Gruppen, aus denen sich die AFD als parlamentarischer und „bürgerlicher“ Arm entwickelte. Zentrale Figur war und ist noch Alexander Gauland, den Sundermeyer als alten, kranken und depressiven Mann beschreibt, der mit großem politischen Erfahrungsschatz aus seiner Laufbahn in der CDU die AFD auf Augenhöhe mit der CDU bringen will. Daraus soll nach Gaulands Plänen eine Zusammenarbeit der AFD mit der CDU erwachsen und es sollen als nächstes die Rathäuser erobert werden. In den östlichen Bundesländern treten genau die Entwicklungen aktuell so ein, wie Gauland sie seit Jahren geplant  und damit auch gar nicht hinter dem Berg gehalten hat. Den Marsch durch die Institutionen hat er sich übrigens von den Grünen abgeguckt, die er seit den 1980er Jahren in Frankfurt aus nächster Nähe als CDU-Funktionär erlebte. Dazu gehören auch gezielte Tabubrüche („Vogelschiss“) und  die Etablierung einer Doppelspitze. Gauland als Brandstifter, auf dessen Worte Taten der Rechtsextremisten folgen.

Die Rechtsextremisten der NPD und deren Organisationen oder Pegida spielen im Westen keine wirkliche Rolle. Die AFD dagegen -im Osten als rechtsradikal einzustufen- hat bekanntlich bei Wahlen zu Länderparlamenten auch in westlichen Bundesländern erhebliche Stimmenanteile verzeichnen können. Aber warum können die Rechten unabhängig von ihrem radikalen, gewalttätigen oder bürgerlichen Auftreten in Teilen der Republik wie hier bei uns in der Grafschaft nicht Fuß fassen?  Sundermeyer macht dafür eine funktionierende Zivilgesellschaft verantwortlich. Die Menschen entwickeln daraus eine Immunität. Als gegenteiliges Beispiel nennt er Landschaften und Orte im Osten, in denen es nicht einmal eine Kneipe, eine Kirchengemeinde oder Treffpunkte gibt, in der sich Menschen begegnen, diskutieren und überhaupt das Zusammenleben gestalten können. Einschränkend nennt er Negativbeispiele für das Erstarken rechten Gedankenguts und der AFD auch in unserer Nähe, nämlich in der Bundeswehr und der Polizei.

Sundermeyers ernüchternde Analyse auf den Punkt gebracht: Die NPD hat in den östlichen Ländern die Kraft für Großdemonstrationen, Rechtsextremisten erobern die Orte, die AFD erstarkt im Osten als Volkspartei, kann als rechtsradikal bezeichnet werden  und steht davor, Rathäuser zu erobern. Und in der Ost-CDU gibt es im Gegensatz zur West-CDU eine hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der AFD. Diese Tendenzen werden sich unabhängig von Gaulands Abgang verstärken.

Das sind ganz schlechte Aussichten, und zwar nicht nur für den Osten. Die Diskussion, wie wir dem am Ort, in unserem Ort begegnen können, muss (weiter) geführt werden, wenn wir nicht später den möglichen  Entwicklungen hinterherlaufen wollen.

20180902_115711Ort der Vielfalt

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„Zurückblicken um der Zukunft wegen“


Ein beschämender Antisemitismus begegnet uns in dieser Zeit. Rund um das heutige Datum herum, jedoch selbstverständlich nicht ausschließlich am 9. November, empfinden viele Bentheimer dies als Ausdruck von Geschichtslosigkeit und Geschichtsvergessenheit. Das wurde gestern bei der Eröffnung der kleinen Ausstellung „Stolpersteine – Gedenken und Soziale Skulptur“ im Rathaus (bis 20.11. zu den Öffnungszeiten) deutlich. Der Sitzungssaal war sehr gut gefüllt, als zunächst Gerd Naber vom Forum Juden/Christen zum jüdischen Leben in der Grafschaft informierte und Liesel Schmidt und Hermann de Leve das Projekt Stolpersteine  in Bad Bentheim näher beleuchteten:

  • Jüdisches Leben in Bentheim wird nachgewiesen seit 1655. 1853 entstand die Synagoge. Auch eine jüdische Schule in der Wilhelmstraße kam hinzu. Das Zusammenleben im Ort kann über Jahrhunderte bis zum Beginn der Nazigreuel als passive Toleranz bezeichnet werden. 1933 lebten noch 13 jüdische Familien sowie einige Einzelpersonen in Bentheim und Gildehaus. Die Zerstörung der Synagoge am 9. und 10. November war das Ende der jüdischen Gemeinde. Nur wenige Menschen konnten sich retten und überleben.
  • Im Jahre 1985 wurde in der ehemaligen Poststiege, jetzt Synagogenstiege, der Gedenkstein mit der Inschrift „Nicht sterb ich, nein ich lebe“ und dem abgestorbenen Baum, aus dem neues Leben sprießt, gesetzt. Die Initiative entstammt der reformierten Kirchengemeinde, die etliche jüngere und ältere Mitbürger daran beteiligte. Seit 2004 wurden 53 Stolpersteine in der Stadt gelegt. Bernd Sundhoff und etliche Mitstreiter sorgten für das Gedenken an die ermorderten jüdischen Mitbürger sowie weitere Opfer der Naziherrschaft  in Form dieses Erinnerungsprojektes. Etliche Bentheimer pflegen seitdem die Steine und organisieren jetzt zusammen mit der Stadt jährliche Gedenkfeiern.

Eindrucksvoll wurde bei der Ausstellungseröffnung Sinn und Zweck der Stolpersteine mit den wichtigsten Lebensdaten der Opfer beschrieben: an den Steinen stehen bleiben – sich verneigen und dabei lesend informieren – den Weg fortsetzen. Es ist und es wird wichtig bleiben, die Personen mit ihren Namen und Lebensdaten sichtbar zu machen, die in den Häusern an den Stolpersteinen gelebt haben.

Ich meine, wir haben in Bad Bentheim eine angemessene, würdevolle Erinnerungskultur, die es fortzusetzen gilt. Allen daran Beteiligten ist zu danken und ihre Tätigkeit in diesem Sinn ist es wert, unterstützt zu werden. Besonders wichtig scheint mir dabei zu sein, den Blick auch nach vorne zu richten und junge Menschen zu beteiligen.

Dem Leitspruch niederländischer Initiativen „Zurückblicken um der Zukunft wegen“ kommt daher bei der Lokalgeschichtsschreibung, beim Gedenken an die ermordeten und vertriebenen Opfer und bei der gesamten Erinnerungsarbeit eine besondere Bedeutung zu. Konstantin Wecker hat es in „Sage nein“ so gut auf den Punkt gebracht:

„Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
Wieder Nazi-Lieder johlen,
Über Juden Witze machen,
Über Menschenrechte lachen,
Wenn sie dann in lauten Tönen
Saufend ihrer Dummheit frönen,
Denn am Deutschen hinterm Tresen
Muss nun mal die Welt genesen,
Dann steh auf und misch dich ein:
Sage nein!
Meistens rückt dann ein Herr Wichtig
Die Geschichte wieder richtig,
Faselt von der Auschwitzlüge,
Leider kennt man’s zur Genüge
Mach dich stark und misch dich ein,
Zeig es diesem dummen Schwein
Sage nein!
Ob als Penner oder Sänger,
Banker oder Müßiggänger,
Ob als Priester oder Lehrer,
Hausfrau oder Straßenkehrer,
Ob du sechs bist oder hundert,
Sei nicht nur erschreckt, verwundert,
Tobe, zürne, misch dich ein
Sage nein!
Und wenn aufgeblasene Herren
Dir galant den Weg versperren
Ihre Blicke unter Lallen
Nur in Deinen Ausschnitt fallen.
Wenn sie prahlen von der Alten,
Die sie sich zu Hause halten,
Denn das Weib ist nur ‚was wert
Wie dereinst an Heim und Herd,
Tritt nicht ein in den Verein,
Sage nein!
Und wenn sie in deiner Schule
Plötzlich lästern über Schwule,
Schwarze Kinder spüren lassen,
Wie sie andre Rassen hassen,
Lehrer, anstatt auszusterben,
Deutschland wieder braun verfärben,
Hab dann keine Angst zu schrei’n
Sage nein!
Ob als Penner oder Sänger,
Bänker oder Müßiggänger,
Ob als Priester oder Lehrer,
Hausfrau oder Straßenkehrer,
Ob du sechs bist oder hundert,
Sei nicht nur erschreckt, verwundert,
Tobe, zürne, misch dich ein
Sage nein!“

 

20191109_104410Denkmal

 

 

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