Auch der Herbst hat schöne Tage! Gelegentlich Nieselregen, tagelang keine Sonne, fallende Temperaturen: alles kein Grund für schlechte Laune, sofern man die heimische Heizungsluft mit Frischluft im Garten, im Park oder im Wald tauscht:
„Wann haben Sie sich zum letzten Mal zwei Stunden amüsiert und gelacht? Dann besuchen Sie eine unserer Aufführungen! Freuen Sie sich auf großes, spritziges und kurzweiliges Boulevardtheater, dargeboten von einem glänzend aufgelegten Ensemble!“
Mein Fazit vorweg: Das Programmheft der Bad Bentheimer Kulisse verspricht keineswegs zuviel!
Eigentlich hätte ich nicht gedacht, nach den Erfahrungen aus Kindertagen, nämlich den schwarz-weiß-TV-Aufzeichnungen aus dem Ohnesorg-Theater, Zeuge einer Liveaufführung eines jener Schenkelklopfer (Tratsch im Treppenhaus) zu werden. Und doch wurde es gestern wahr. Nicht Heidi Kabel, nicht Henry Vahl, sondern das Ensemble der Kulisse ist verantwortlich für einen lustigen, wirklich kurzweiligen Theaterabend, den ich hiermit wärmstens weiterempfehlen möchte. Wer noch eine Karte ergattern kann, sollte zugreifen!
…. hat Konjunktur und besonders das Sachbuch erfreut sich wachsender Beliebtheit. Das ist in Zeiten von Fake News, Verschwörungstheorien und dergleichen eine positive Entwicklung. Sachliche Informationen helfen nun einmal, die Flut der Nachrichten und das Weltgeschehen besser einordnen zu können. „Lesefähigkeit legt die Basis für Bildungskarrieren und für die Resilienz der Demokratie“, sagte die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels kürzlich laut NOZ und weiter: „…verwies auf die Effekte nachlassender Lesekompetenz. Dies führe zu geschwächter Immunresrsistenz beim Angriff populistischer Erreger“. Die erschreckenden Ergebnisse neuer Pisa-Studien lassen da nichts Gutes erwarten.
Sogar die Lokal(!)-Redaktion der Grafschafter Nachrichten nimmt die Eröffnung der Frankfurter Buchmesse zum Anlass, ganzseitig Buchempfehlungen der einzelnen Redakteure abzuliefern. Gut, kann man machen. Ich würde es allerdings vorziehen, wenn die Lokaljournalisten (wieder) vermehrt aus den Rathäusern sowie dem Kreishaus berichten würden und mit Berichten, Kommentaren und Interviews die Brücke zwischen Lokalpolitik und Einwohnern der Städte und Gemeinden herstellen würde. Es ist schon auffällig, dass sich in den letzten Jahren die Lokalreporter eher selten bei Ausschuss- und Ratssitzungen sehen lassen und entsprechend auch nicht fundiert darüber schreiben können. Schade drum, denn Demokratie setzt auch vor Ort gut informierte Bürger voraus! Aber damit will ich natürlich nichts gegen Literaturempfehlungen von Lokalreportern sagen, wohl aber über den Informationsgehalt und die Qualität des Lokalteils der Grafschafter Nachrichten.
In einem Kommentar in der NOZ am 18.10.2023 hebt Stefan Lüddemann die Sehnsucht der Leserinnen nach vertiefter Information hervor:“……Weil das Buch weiterhin den Goldstandard der intellektuellen und künstlerischen Wortmeldung darstellt. Weil es Erwartungen weckt, die digitale Medien nicht auf sich ziehen, Erwartungen von Qualität, Tiefe und Nachhaltigkeit.“
Ein hervorragendes Beispiel ist Reinhold Beckmanns Buch „Aenne und ihre Brüder – Die Geschichte meiner Mutter“. Beckmann erzählt und dokumentiert die Geschichte seiner Familie und besonders seiner Mutter Änne. Vier Brüder hat sie im zweiten Weltkrieg verloren. Es ist ein Buch gegen das Schweigen über den Krieg. Und es ist „ein Buch über die Verwüstungen des Krieges“, schrieb „Die Zeit“.
Kürzlich konnte ich im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals Reinhold Beckmanns Buchpräsentation im Thalia-Theater erleben. Unterstützt wurde er dabei von Joachim Gauck, dem ehemaligen Bundespräsidenten und Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, der die Präsentation und Lesung mit eindrucksvollen Worten begleitete. So erinnerte Gauck an die Verstrickungen der Menschen in das verbrecherische nationalsozialistische System. Reinhold Beckmann (Jahrgang 1956) beschrieb seine Jugendzeit und sein wachsendes Interesse an Familiengeschichte und seine drängenden Fragen an die Eltern- und Großelterngeneration. „Das willst du nicht wissen. Frag nie wieder“, erhielt er als Antwort. Dabei sei ihm viel später, als seine Mutter darüber redete und er die Feldpostbriefe und weitere Dokumente seiner Familie erhielt, klar geworden, wie wichtig die Beschäftigung mit dieser Thematik ist. Nämlich, um Recht und Unrecht unterscheiden und Haltung zeigen zu können.
Es ist ein berührendes und bewegendes, gleichzeitig persönliches Buch, das ich gerne empfehlen möchte. Die Vertonung mit seiner Band unter dem Titel „Vier Brüder“ steht dem nicht nach.
„Das Buch ist so berührend, weil es diese vier jungen Leben so sichtbar macht. Als ob es gestern gewesen wäre. Ja, es war gestern – und ist heute leider wieder so.“ Udo Lindenberg
Reinhold Beckmann, Aenne und ihre Brüder, Propyläen, August 2023
Reinhold Beckmann und Band, „Vier Brüder“ erschienen auf dem Album „Haltbar bis Ende“, 2021, eindrucksvoll live im Deutschen Bundestag (Youtube)
Bentheim hat ein weiteres Highlight zu bieten: das gestern eingeweihte Batavia-Portal:
Das fünfstündige Symposium war der bemerkenswerte, im Grunde unverzichtbare Auftakt zur offiziellen Einweihung. Die außergewöhnliche Geschichte mit der Aufarbeitung der Thematik, vielfältigen Informationen zur Rekonstruktion und zum hervorragenden Engagement mit dem eindrucksvollen Ergebnis standen im Mittelpunkt. Der Kontext mit der Kolonialgeschichte und der Lokalhistorie kamen nicht zu kurz. Die Einweihung selbst war gut organisiert und bot einen einen angemessenen Rahmen mit vielen Gäste.
Der Standort ist meiner Meinung nach sehr gut gewählt und bietet Raum für Kommunikation. Unter anderem sind dort künftig auch kulturelle Veranstaltungen im kleineren Rahmen möglich, sofern Ideenreichtum und Engagement hinzukommen. Ein lang gehegter Wunsch wird so nebenbei auch noch wahr, etliche Diskussionen waren erforderlich.
Ich freue mich, bei Stadtführungen den Besuchern der Stadt an diesem schönen Ort wichtige Aspekte der Stadtgeschichte näher bringen zu können:
Peter Urban (75) ist Radio- und Fernsehmoderator, Musiker, Anglist und d e r Experte in Sachen Rock, Pop, Jazz. Kürzlich konnte ich ihn mal wieder live auf der Bühne erleben; diesmal im Rahmen des „Harbour Front Literaturfestivals“ bei der Vorstellung seiner Lebenserinnerungen „On Air“ in der Altonaer Fabrik und damit in einer meiner absoluten Lieblingslocations.
Peter Urban erzählt mit seiner ruhigen, sonoren Stimme von seiner Kindheit in Quakenbrück, seiner Studienzeit in Hamburg, unterbrochen von längeren London-Aufenthalten mit prägenden Erlebnissen in Musikclubs und Szenevierteln und er berichtet von seinen folgenden Karrierestationen. Der Anglist mit Doktortiel („Die Poesie der Rockmusik“/Fischer) wurde mit seiner Moderation in Jugendprogrammen wie beispielsweise „Musik nach der Schule“ und „Der Club“ bekannt. Das waren Sendungen mit großer prägender Bedeutung für Jugendliche der siebziger Jahre. Mit seinem Insiderwissen und feinem Gespür für die Rockmusik und dessen gesellschaftliche Zusammenhänge arbeitete er nicht nur für den NDR, sondern auch schreibend für meine damalige Hauspostille „Sounds“. Bei der Vorstellung seiner Biografie sorgt er mit seinen Erinnerungen und den Anekdoten zu zahllosen, teilweise freundschaftlichen Begegnungen mit Größen aus der Musikwelt von Harry Belafonte bis Bruce Springsteen, von David Bowie bis Keith Richards, für spannende Unterhaltung. Und natürlich gehörten auch Geschichten zu seiner langjährigen Moderation des Europäischen Songcontests dazu. Ein Wettbewerb und eine Veranstaltung, die für mich überhaupt nur mit Urbans trockener Kommentierung samt seines feinsinnigen Humors konsumierbar war.
Glücklicherweise können wir Peter Urban auch weiterhin hören, und zwar in seinem Podcast „Urban Pop“, in dem er uns an seinem enzyklopädischen Wissen über die ganz Großen der Rockmusik und seine persönlichen Erlebnisse mit ihnen teilhaben lässt. „Urban Pop“ kann man streamen (ARD-Mediathek). Übrigens ist dies ein weiteres Beispiel dafür, dass wir den öffentlich rechtlichen Rundfunk unbedingt brauchen, der uns nicht nur, aber auch mit einem so wertvollen Programm versorgt. Die Rundfunkgebühr ist nicht nur für die Grundversorgung mit Nachrichten und Hintergrundinfos, Sport und Unterhaltung, sondern auch für die kulturelle Dienstleistung ein Schnäppchenpreis. 0,50 € am Tag zahle ich gerne dafür und verzichte vollständig auf Bild- und Welt-TV, RTL und andere von Werbegeldern oder von Interessengruppen abhängige Medien.
Als Keyboarder der Hamburger Band „Bad News Reunion“ kenne ich Peter Urban seit Mitte der siebziger Jahre aus Rocknächten im Logo und der Fabrik. Die Songs der Band und deren gelungenen Coverversionen wie Neil Youngs „Like a Hurricane“ oder Dylans „Like a Rolling Stone“ kann man übrigens ebenfalls streamen. Das empfehle ich fast genauso wie die Biografie „On Air“ und ganz besonders den Podcast „Urban Pop“.
Kürzlich habe ich folgende Aufnahme im Altonaer Museum in der Ausstellung „World Press Photo 2023“ gemacht. Beim „World Press Photo Award“ werden alljährlich die besten internationalen Pressefotografien des jeweiligen Vorjahres ausgezeichnet. Die Ausstellung ist in Kooparation mit den Bildredaktionen von GEO und Stern und demnächst in weiteren deutschen Städten wie in Dortmund zu sehen. Die Aufnahmen aus dem Ukraine-Krieg sind besonders erschütternd!
Text: „Irina Kalinina (32), eine verletzte Schwangere, wird im ukrainischen Mariupol aus der Geburtsklinik getragen, die bei einem russischen Luftangriff getroffen wurde (9. März 2022). Ihr Baby namens Miron (das Wort für Frieden) kam tot zur Welt, eine halbe Stunde später starb auch Irina. Laut OSZE-Berichten hat Russland die Klinik absichtlich angegriffen: drei Menschen starben, 17 wurden verletzt. Nach Ansicht der Jury zeigt das Foto einen Angriff auf die Zukunft der Ukraine.
Evgeniy Maloletka nahm das Bild im Auftrag von Associated Press auf.“
Das Foto mit der Hintergrundinformation spricht für sich. Kommentare unerwünscht.
Heute wie vor 43 Jahren ist der 1. September der „Antikriegstag“. Im Spätsommer 1980 habe ich mich nicht in Bentheim aufgehalten. Ansonsten hätte ich als Anhänger der damaligen Friedensbewegung jedoch sicherlich an einer denkwürdigen Veranstaltung zum „Antikriegstag 1980“ in unserer Stadt teilgenommen. Ich habe Wilhelm Hagerott aus Münster gebeten, einen Beitrag darüber zu verfassen. Er war Initiator und verantwortlicher Leiter der Gesamtveranstaltung. Hier sind seine Erinnerungen und einige Dokumente dazu:
„Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall des deutschen Naziregimes auf die Volksrepublik Polen der 2. Weltkrieg. Aus diesem Anlass wird in vielen deutschen Städten der 1. September zur Erinnerung als Antikriegstag begangen, heute vornehmlich organisiert durch den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
In Bad Bentheim erhielt der Antikriegstag 1980 als Gedenktag ein besonderes Augenmerk. Am Vorabend zum 1. September fand am Sonntag, 31. August 1980 und zum Ende der Sommerferien, eine Friedensdemonstration statt. Der Landkreis Grafschaft Bentheim benannte als zuständige Behörde damals die Veranstaltung in einem Genehmigungsschreiben als „Aufzug im Sinne des Versammlungsgesetzes in Form eines Fackelzuges“. In dem Schreiben der Kreisverwaltung wurde insgesamt eine 8 Punkte umfassende Anordnung als Auflage für die Durchführung erteilt:
Organisiert wurde die Veranstaltung von Wilhelm Hagerott vom Vorstand der Grafschafter Jungsozialisten in der SPD. Er schmiedete hierzu ein breites Bündnis von nachstehenden Jugendverbänden, die gemeinsam als Veranstalter auftraten: CVJM Bad Bentheim, Dritte Welt Laden Schüttorf, Jugendzentrum Schüttorf, Jugendhaus Bad Bentheim, DGB Gewerkschaftsjugend Kreis Emsland, Jungsozialisten in der SPD Grafschaft Bentheim, Junge Union Ortsverband Bad Bentheim, Deutsche Jungdemokraten Grafschaft Bentheim.
Die Demonstration begann am Sonntagabend um 20.30 Uhr mit einer Kundgebung auf dem Herrenberg. Als Redner traten Pastor Hans Jürgen Schmidt von der evangelisch reformierten Gemeinde Bad Bentheim und Harald Schliekert von der SPD aus Bonn ans Mikrofon. Pastor Schmidt rief die Zuhörer auf, an die Gerechtigkeit zu glauben und sich nicht an die Ungerechtigkeiten in der Welt zu gewöhnen. Er würdigte die Haltung der Kriegsdienstverweigerer und sprach sich gegen ein Prüfverfahren des Gewissens aus. Harald Schliekert aus Bonn, der persönliche Referent des damaligen Grafschafter SPD Bundestagsabgeordneten Jan Oostergetelo, mahnte in seiner Rede vor dem Hintergrund des Krieges und der Invasion der Sowjetunion in Afghanistan vor einem Nachlassen der Entspannungspolitik zwischen Ost und West. Die Zuhörer dankten zum Schluss den beiden Rednern an diesem Abend mit anhaltendem Applaus.
Im Anschluss an die Kundgebung auf dem Herrenberg formierten sich dann rund 150 Friedensdemonstranten zu einem Schweigemarsch mit entzündeten Fackeln in den Händen durch die Bad Bentheimer Innenstadt. Begleitet von einem Polizeifahrzeug und einem Ordnerdienst führte die Wegstrecke von der Schloßstraße zur Stadtmitte in die Wilhelmstraße, über die Lingerstiege und den Paulinenweg zurück durch die Kirchstraße und die Wilhelmstraße zum Marktplatz in die Stadtmitte. Hier wurde gegen 21.45 Uhr der Schweigemarsch mit Fackelzug offiziell beendet. Anschließend nahmen noch etliche Demonstranten an einer interessanten Diskussionsrunde im Jugendhaus in der alten „Kaufmannschen Stadtvilla“ am Marktplatz teil. Dort konnte als Teilnehmer auch der Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr, Hubertus Prinz zu Bentheim und Steinfurt begrüßt werden. Gegen 22.30 Uhr endete die Abschlussdiskussion.
Die Friedensdemonstration zum Antikriegstag 1980 in Bad Bentheim war in der Rückschau eine gute Sache für ein erweitertes Bewusstsein für den Frieden. Gleichwohl unterliegt die Zeitgeschichte in Europa neben dem stetigen Wandel politischer Veränderungen immer wieder kriegerischen Auseinandersetzungen oder verheerenden Angriffskriegen wie den durch Russland in der Ukraine. Freiheitliche und rechtsstaatliche Demokratien sollten heute nach innen und außen gut wehrhaft aufgestellt sein. W.H.“
43 Jahre sind seit dem ersten Bentheimer Flohmarkt, seinerzeit auf dem Herrenberg, vergangen. Mir ist nicht bekannt, wieviele Stände damals aufgebaut wurden, wieviele Besucher kamen oder welche Gegenstände ich damals erfolgreich unter das Volk bringen konnte. An die besondere Atmosphäre und den Spirit unter allen Beteiligten kann ich mich allerdings noch gut erinnern. Der schöne Veranstaltungsort und der Zauber des Neubeginns 😉 haben wohl dazu beigetragen.
Ein „paar“ Jahre später ist der Flohmarkt immer noch ein Renner. Die Organisation ist einfach super, das Orga-Team versprüht nicht nur zu jeder Nacht- und Tagesstunde gute Laune, sondern lässt den vielen Hobbyhändlern mit moderaten Standmieten deren mehr oder weniger bescheidenen Umsatzerwartungen Wirklichkeit werden. Und auch der Anspruch, ein „Internationaler Flohmarkt“ zu sein ist nicht übertrieben. Menschen vieler Nationalitäten und Mentalitäten treffen beim Feilschen an den Ständen aufeinander.
Nicht mehr benötigte Alltagsgegenstände, Dachbodenfunde, Unnützes oder Überflüssiges, Ungeliebtes, Abgelegtes, Platz sparendes – nichts davon landet einfach auf dem Isterberg oder in der Tonne, sondern findet eine weitere Verwendung, oder macht den neuen Besitzern einfach nur Freude wie zum Beispiel meine alte Küchenwaage, eine Nelson Mandela-Biografie, die Plüschtiere vom Dachboden oder die Playmobilautos am Nachbarstand. Viel Spaß damit!
Vom Flohmarkt 2023 bleiben mir zwei weitere Erinnerungen. Einmal die Frau, die meine Fahrradklingel mit HSV – Raute als Geschenk für ihren Ehemann erstand und ihrer Aussage nach diesem riesen HSV-Fan ein besonderes Geschenk vom Flohmarkt mitbringen konnte. Ihre Vorfreude darüber stand ihr ins Gesicht geschrieben. Und dann war da noch die Geschichte mit der alten Schrankuhr meiner Großmutter. Jahrelang konnte ich keinen neuen Besitzer finden, was wohl auch daran lag, dass ich keinen Schlüssel für das Aufziehen des Uhrwerks und des Schlags mehr hatte. Eben dieser Schlüssel fand sich jetzt in einer anderen Trödelkiste wieder. Umgehend wurde die Uhr aufgezogen und die Angelegenheit dann wieder vergessen. Einige Zeit später erklang dann unerwartet nach Jahrzehnten wieder der vertraute Schlag, und zwar gleich 12 mal. Leicht spooky, aber das passt ja prima zum Flohmarkt!
Wann, wenn nicht heute sollte ganz besonders der Blick auf unsere schöne gemeinsame Sprache gelenkt werden. Martin Luther sei Dank für unvergleichlich bildhafte Wortschöpfungen und Sätze:
Mit wenig Worten viel zu sagen ist eine Kunst. Eine große Torheit aber ist es, viele Worte zu gebrauchen und doch nichts zu sagen.“
Und besonders passend am Übergang zum grauen November:
„Das die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.“
Der Samstag beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück. Die GN gehören bei mir gewohnheitsmäßig (noch) dazu. Immer intensiver lese ich die politischen Nachrichten der NOZ-Mantelseiten und natürlich den Sport. Der Lokalteil wird aus meiner Sicht immer uninteressanter, seitdem lokalpolitische Themen seltener vorkommen. Aus Sitzungen der politischen Gremien wird kaum noch berichtet und die dort diskutierten Themen selten vertieft betrachtet. Eine Entpolitisierung, die ich bedaure.
Heute wird der Leser (ich verzichte heute mal aufs Gendern) des Lokalteils allerdings etwas klüger, denn bereits beim Durchblättern springen die Anzeigen der CDU ins Auge. Ganzseitig wirbt Reinhold Hilbers um beide Stimmen für die CDU und auf den Folgeseiten geht es in etwas kleinerem Format mit weiteren teuer bezahlten Anzeigen so weiter. Parteiwerbung vor der Wahl ist sicher eine gute Sache und an platte Slogans sind wir gewöhnt. Auffällig ist heute allerdings, dass höchstens noch die FDP für ihre Verhältnisse bescheiden mit Anzeigen um die Wählergunst in der Lokalzeitung wirbt. Eine Schlussfolgerung liegt auf der Hand. In der CDU herrscht
P A N I K.
Anders ist eine solche Materialschlacht -und nichts anderes ist eine solche teure Anzeigenkampagne- am Vortag der Wahl nicht erklärbar. Es wird realisiert, dass es höchstwahrscheinlich mit dem Mitregieren aus ist, der Ministerposten (der immerhin für die Grafschaft auch seine guten Seiten gehabt haben dürfte) ist dann futsch, und auch der nächste Ministerpräsident dürfte Stephan Weil heißen. Im Angesicht der Wahlschlappe viele tausend Euro rauszuhauen wirft zudem ein Licht auf die finanziellen Ressourcen der CDU und daraus folgend deren politische Prioritäten. Kann man ja mal unter diesem Gesichtspunkt sehen. Stephan Weil, Olaf Lies und Boris Pistorius haben aus meiner Sicht in den letzten Jahren dagegen seriöse Politik für Niedersachsen betrieben. Na ja, und das Kultusministerium könnte ja an den künftigen Koalitionspartner gehen (das sind natürlich die mit der Vorsitzenden, die einen so sympathischen Nachnamen hat ;-). Wenn es so kommt, könnten wir immerhin feststellen: Geld gewinnt keine Wahlen; jedenfalls nicht in Niedersachsen.