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Jugendbildung Ostern 1987: 42 junge Bentheimer in der DDR

Fahrten in den anderen deutschen Staat, die „Deutsche Demokratische Republik“, wurden im Zuge der Entspannungspolitik in den 70er-Jahren möglich. Schulklassen und Jugendgruppen machten sich regelmäßig auf den Weg, um etwas mehr über das Leben der Menschen, besonders der jungen Menschen, in der DDR zu erfahren. Finanziell unterstützt wurden diese Fahren von verschiedenen westdeutschen Instituionen, so auch von den Städten und Gemeinden in der Grafschaft und dem Landkreis Grafschaft Bentheim. Ein Aspekt unter anderen dürfte dabei gewesen sein, besonders dem aufmüpfigen, eher linken Jugendprotest jener Jahre durch eigenes Erleben zur Einsicht zu verhelfen, dass das Leben im Westteil Deutschlands im Gegensatz zum Osten erhebliche Vorteile bot. Ich spoiler an dieser Stelle: Diese Erwartung wurde in der Praxis sogar übertroffen.

Der Stadtjugendring Bad Bentheim (Zusammenschluss bzw. Dachorganisation aller Bentheimer Jugendverbände), deren Vorsitzender ich von 1985 bis 1991 sein durfte, bot seit 1984 die mehrtägigen Fahrten an. Dank der staatlichen finanziellen Unterstützung fiel der Teilnehmerbeitrag sehr gering aus. Die Nachfrage unter den Bentheimer Jugendlichen war entsprechend groß, nicht jeder Interessierte konnte mitfahren. 42 Teilnehmer/-innen wurden schließlich beim Grenzübertritt in meinen Reisepass eingetragen. Bereits die Fahrt durch die Grenzanlagen und der Kontakt mit den „Grenztruppen“ sorgte für die Erstfahrer für Aufsehen. An einem Treffpunkt erwartete unsere Reisegruppe eine Reiseführerin des amtlichen DDR-Jugendreisebüros „Jugendtourist“, denn unser Aufenthalt durfte selbstverständlich keinesfalls, und ich meine damit unter keinen Umständen und zu keiner Zeit und an keinem Ort, unorganisiert und unbeaufsichtigt erfolgen. So erging es allen westdeutschen Reisegruppen. Das nun zugängliche und in Teilen erschlossene Staatsicherheitsarchiv weist geradezu irrwitzige Berichte mit Beobachtungen von westdeutschen Schulklassen aus. Wir waren keinesfalls so naiv, uns unbeobachtet zu fühlen und konnten auch unsere Reiseführerin einordnen. Tragischer und nur gut zwei Jahre später wurde deutlich, dass sich das Misstrauen der DDR-Obrigkeit vor allen Dingen gegen ihre eigene Jugend richtete….und erfreulicherweise sehr berechtigt war. Grundlage war ein Befehl des „Ministeriums für Staatssicherheit“: „Bekämpfung der politisch-ideologischen Diversion und Untergrundtätigkeit unter jugendlichen Personenkreisen“. Die Herrschenden wussten um den zunehmenden Jugendprotest mit Friedens-, Menschenrechts- und Umweltgruppen. Viele Jugendliche wollten sich damit dem allumfassenden Zugriff durch Partei und Staat entziehen. Auch die stärker werdende neonazistische Szene in der DDR ist damit erklärbar. Gleichwohl konnte eine flächendeckende Überwachung der Jugend selbst in der DDR nicht erfolgen. Das Bundesarchiv kommt zum Schluss: „Jugendliche haben sich dem DDR-System vielfach konsequent verweigert.“ Denkwürdig ist in diesem Zusammenhang das Bruce Springsteen-Konzert am 19. Juli 1988 in Ost-Berlin vor mindestens 160 000 zumeist jugendlichen Besuchern (dazu gibt es einen lesenswerten Wikipedia Beitrag!) sowie das Bowie-Konzert 1987 nahe dem Reichstag, das im Osten gehört wurde und zu Ausschreitungen mit Forderungen zum Abriss der Mauer endete. Offizielle DDR-Kommentare: „Zusammenrottung von vorberstraften, asozial Lebenden und politisch negativ Eingestellten“.

Erster Programmpunkt war die Besichtigung des Schweriner Schlosses, das in Teilen ansehnlich restauriert war. Nur wenige hundert Meter entfernt wohnten 25 Jahre vorher noch meine Eltern und Geschwister. Diese Tatsache und die bestehenden verwandschaftlichen Beziehungen führten bei mir trotz der Funktion als Reiseleiter zur misstrauischen Zurückhaltung. Eine gute Entscheidung, wie die im Nachhinein aufgetauchten Stasiberichte zu anderen Jugendgruppen und Schulen bestätigen. Sogar Schulklassen mit jungen Schülern wurden von der Staatssicherheit lückenlos überwacht. Unweit des Schweriner Schlosses passierten wir dann den „Platz der Jugend“. Ein Foto sagt fast mehr als tausende Worte und ist entlarvend für die Phrasendrescherei:

Untergebracht wurden wir von „Jugendtourist“ in der Jugendherberge Stralsund. Der Fußweg zu unserer Unterkunft war ein Schock, denn was uns hier als Altstadt präsentiert wurde ähnelte in Teilen einer in sich zusammenfallenden Geisterstadt, die kaum noch bewohnt wurde und nicht bewohnbar war. Jeden Augenblick konnte das Ganze in sich zusammenbrechen, dachten wir. Ähnlich baufällig war die Jugendherberge. Stefan Holtel schrieb in seinem Reisebricht für die Jugendseite der Grafschafter Nachrichten am 1.5.87: „Was sich aber diesmal den Augen der Teilnehmer bot, übertraf alle Vorurteile, die sich der uninformierte Westdeutsche über den zweiten deutschen Staat gemacht haben konnte…..übertrug sich der in den Augen der Bentheimer Jugendlichen erschreckende Zustand der Unterkunft auf die allgemeine Stimmung der Gruppe.“

Touristisch wertvoll und lohnenswert war der Ausflug zu den Kreidefelsen auf Rügen. Auf der Rückfahrt zur Jugendherberge drängten wir unsere Reiseleiterin, die im Umgang mit uns ohnehin schon stark verunsichert war, zu einem Stop in einer Kleinstadt. Wir stürmten ein gut besuchtes Cafe und es passierte, was nicht passieren sollte: Wir waren plötzlich unter DDR-Bürgern, die gar nicht darauf vorbereitet wurden! Ein kurzer ungeplanter Stop mit leckerem Kuchen und einem Hauch Alltagsleben. Mutig geworden setzten wir uns abends von der Jugendherberge und unseren Aufpassern ab, fanden eine Kneipe und konnten wieder einen Hauch Alltag bei einem Bier erleben.

Eine Diskussionsrunde mit FDJ-Vertretern verlief ebenfalls enttäuschend für uns. Unsere Fragen nach Glasnost und Perestroika und den Auswirkungen auf die DDR-Politik wurden selbstverständlich ausweichend beantwortet. Nach meiner Erinnerung war man der Meinung, die Verhältnisse in der UDSSR und der DDR seien doch unterschiedlich und für die DDR sei das alles nichts. Eine zweite Diskussionsrunde mit „jungen Werktätigen“ eines Möbelkombinats in einem Jugendclub war erfreulicher, da ungezwungener mit weniger Aufsicht und Kontrolle. Meinten wir jedenfalls.

Die gelöste Stimmung zeigt sich auch im menschlichen Miteinander zweier junger Bentheimer, die heute bereits seit vielen Jahren miteinander verheiratet sind:

Ein positiveres Bild bot sich uns in Rostock, das als Seehafenstadt der DDR mit Blick auf internationale Gäste besser restauriert war. Wir konnten nicht nur unsere zwangsweise eingetauschte DDR-Mark in Bücher oder Schallplatten eintauschen, sondern uns auch ein weiteres Mal in einem Studentencafe unter andere junge Leute begeben. Unser DDR-Bild hellte sich etwas auf, wurde dann aber bei der Ausreisekontrolle am Grenzübergang wieder zurecht gerückt. Der Aufwand, mit dem die DDR-Grenzer den Ausreiseverkehr unter die Lupe nahmen und die Reisenden schikanierten, ließ auch die ohnehin ausschließlich den Menschen geltenden Sympathien für den zweiten deutschen Staat enorm verblassen.

Es war die letzte DDR-Fahrt des Stadtjugendrings. Das Thema hat sich in kürzester Zeit erledigt….und das ist gut so!

Die Fotos hat unser lieber Freund Willi Hilkenbach, der leider vor drei Jahren verstorben ist, gemacht und mir vor einigen Jahren zum Verbleib überlassen. Die Veröffentlichung des letzten Fotos geschieht mit Einwilligung der „Betroffenen“.

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Der Erbe Eulenspiegels in Bad Bentheim

Bereits vor über 60 Jahren gründeten Bentheimer Jugendverbände den Stadtjugendring Bad Bentheim. Seine Aufgabe war es, als Dachorganisation gemeinsame Interessen gegenüber Stadt, Landkreis und Gesellschaft optimal vertreten und durchsetzen zu können. Es wurden Fördergelder eingefordert, bewilligt und in Selbstverwaltung an die angeschlossenen Vereine und Gruppen, darunter die Jugendabteilungen der Sportvereine und konfessionelle Jugendgruppen, verteilt. Daneben organisierten die wechselnden Vorstände vereinsübergreifende Veranstaltungen. Das waren beispielsweise Podiumsdiskussionen zu jugendaktuellen Fragen und vor Kommunalwahlen, politische Bildungsreisen in die DDR, Protestaktionen wie hier im Oktober-Blog von Wilhelm Hagerott beschrieben, Rockfestivals oder der Einsatz für ein Jugendzentrum. Ab Mitte der 1980er-Jahre erweiterte der SJR das Veranstaltungsangebot für Bentheimer Kinder und Jugendliche in einem Ausmaß, dass die Stadt Bad Bentheim ab 1991 eine hauptamtliche Stelle als Stadtjugendpflege einrichten musste, um das Programm fortsetzen zu können. Es ging um Angebote wie den 1986 eingeführten Ferienpass, die Stadtranderholung, jährliche Fahrten in die DDR, Kindertheaterreihen, Jugendkulturfeste auf dem Herrenberg, Filmvorführungen und jugendkulturelle Angebote wie zum Beispiel Autorenlesungen. In bester Erinnerung geblieben sind mir zwei Lesungen mit Winfried Bornemann, auf die ich heute zurückblicken möchte.

Bornemann, ein Lehrer aus Georgsmarienhütte, erfreute sich in den 80er-Jahren und auch später noch großer Bekanntheit und Beliebtheit in der Bundesrepublik. Seine Bücher tauchten regelmäßig in den einschlägigen Bestsellerlisten auf, Zeitungsartikel zu seinen neuesten Realsatiren sorgten landauf und landab für beste Unterhaltung, es gab sogar eine Fernsehserie. Auch der Vorstand des Stadtjugendrings lachte über seine Realsatiren und wollte ihn unbedingt nach Bad Bentheim holen. Vermutlich habe ich seinerzeit telefonisch Kontakt aufgenommen, ihn eingeladen und den Termin und die Gage vereinbart. Jedenfalls entstieg am 20. Februar 1986 ein freundlicher, vollbärtiger Herr mittleren Alters seinem Volvo und nahm an einem Tisch, der mit meiner Schreibtischlampe und einem Glas Wasser vorbereitet war, auf der Bühne des Gemeindehauses der altreformierten Kirchengemeinde in der Heerestraße Platz. Viele Interessierte waren gekommen. Es hatte sich bis Bentheim herumgesprochen, dass Bornemann Briefe an Prominente, Firmen und Behörden schreibt und diese sich in ihren Antworten fast ausnahmslos als naive, habgierige und/oder besonders dämliche Zeitgenossen entpuppen. Einige Beispiele:

  • Der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie bot er zur Markteinführung ein Operationsbesteck für Camping und Freizeit an, da er als Hobbychirurg damit bereits seine Freunde und Bekannten den Blinddarm oder die Gallenblase entfernt hätte.
  • Dem Anglerverband empfahl er, in trübem Wasser Glühwürmchen an den Haken zu nehmen.
  • Unter dem Pseudonym „Gyselda von große Tytten“ fragte er beim Papst an, ob er sich denn schon einmal Gedanken darüber gemacht hätte, dass er heute, wäre er in Saudi-Arabien geboren, ein führender Mueszzin wäre. Bornemann erhielt schriftlich den Apostolischen Segen.
  • Der EG-Kommission bot er seine gezüchtete „Bonsai-Kuh“ an, mit der er helfen wolle, den Butterberg abzubauen.

Zwei Jahre nach seinem ersten Gastspiel konnten wir Bornemann erneut in Bentheim begrüßen. Am 4. Februar 1988 war im ehemaligen reformierten Gemeindehaus in der Kirchstraße, heute Treff 10, der Tisch mit obligatorischer Schreibtischlampe und Wasserglas vorbereitet. Bornemann präsentierte unter anderem sein Buch „Fehlanzeigen – Verrückte Inserate, starke Antworten“. Auch hier einige Beispiele:

  • Bundesminister sucht Brieffreundin, die auch Interesse an Politik hat. Chiffre…
  • Argumente gegen die 35-Stunden-Woche von Unternehmer gesucht. Chiffre…
  • Frührentner lobt ihre ärztliche Kunst in ihrem Wartezimmer gegen Honorar (Deutsches Ärzteblatt 17.2.86)

Fast unglaublich sind die teils bierernsten Antworten. Dem Publikum gefiel es damals! Neugierig geworden? Die Bücher gibt es noch antiquarisch zum Beispiel über die einschlägigen Adressen wie booklooker, medimops usw. für kleines Geld zu kaufen.

Bei der Lesung im Februar 1988 stellte der „Till Eulenspiegel der Literatur“ (Die Zeit) seine frisch erschienene Sammlung von Briefen unter dem Titel „Glanz & Gloria – Eine Brief-Aktion mit internationalen Prominenten“ vor: Als alte Dame von Adel unter den Namen „Carola von Gästern“ alias „Gerda von Nussink“ (engl. nothing) schrieb Bornemann zig Prominente aus aller Welt an und bat sie, ihr Alleinerbe zu werden. Man mag es kaum glauben, aber Hundertschaften von Prominenten beißen darauf an und antworten ernsthaft. Die alte Dame hat ja auch so liebevoll ihr Erbe angeboten: „….. Es wäre eine große Freude, wenn Sie diese Erbschaft (ein beträchtliches Vermögen) nach meinem Ableben annähmen. Ich hoffe sehr, daß es Ihnen mit dieser Hilfe möglich sein wird, Ihr bedeutendes Werk noch intensiver fortzusetzen. Ihre ergebene G.v. Nussink.“ Einige Antworten:

  • Ihre Großzügigkeit….ist erstaunlich, aber falls dies ihr Wunsch ist und Sie sicher sind, daß dies ist, was sie wollen, wäre es mir ein Vergnügen und eine Ehre zu akzeptieren. (Liza Minelli)
  • Was halten Sie von der Idee, wenn mein persönlicher Vertreter Sie in der Zwischenzeit besuchte, um mit Ihnen über Ihre Vorstellungen zu sprechen? (George Harrison)
  • Ich reise sehr viel, und es könnte sein, daß wir uns persönlich treffen können. Sie sind schon jetzt ein Teil des täglichen Gebetes von mir und meiner Frau Shirley geworden. (Pat Boone)
  • Ich verehre Sie und ich akzeptiere alles, denn ich habe ein große Familie (Marlene Dietrich)
  • …setze Sie davon in Kenntnis, daß ich entsprechend den heute…gültigen Gesetzen akzeptiere, Ihr Universalerbe zu werden. (Alain Delon in seinem dritten Brief an Gerda von Nussink)
  • …Vielleicht geben Sie mir Ihre Telefonnummer, damit wir dies im Detail besprechen können… (Idi Amin)

Mit etlichen gierigen Promis entwickelte sich eine rege Korrespondenz. Allerdings kamen einige „Erben“ dem Urheber auf die Schliche: Andre Heller antwortete, auf ihm lastete schon das ganze österreichische Kulturerbe, da könne er kein zweites dazunehmen. Und Udo Lindenberg erklärte, Geld mache nicht glücklich, und er sei schon unglücklich genug.

Glücklich war an beiden Abenden das Publikum und zufrieden war auch der Stadtjugendring seinerzeit mit der guten Resonanz auf diese Angebote. Ob sich dafür auch heute noch ein Publikum finden würde?

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Birth Control auf der Freilichtbühne

Im September 2011 habe ich hier in meinem Blog meine Erinnerungen an das Festival 1974 mit Birth Control auf der Freilichtbühne geteilt. Leider hatte ich bisher kein Bildmaterial. Kürzlich stellte  mir Alexander Bentheim  einige historische Aufnahmen zur Verfügung (Herzlichen Dank!), die ich gerne zusammen mit dem aktualisierten damaligen Blogeintrag präsentiere.

1974 Bentheim Freilichtbühne Birth Control 3 (© Alexander Bentheim)

Die Dachkonstruktion zeugt vom Engagement des Stadtjugendrings, der das Festival natürlich ehrenamtlich auf die Beine gestellt hat.  Bemerkenswert ist auch das zeitgemäße Bühnenoutfit des Gitarristen Bruno Frenzel.

Und auf dem folgenden Foto erkennen wir mindestens zwei Obergrafschafter Zeitgenossen: Andreas K. steht vor der Bühne und Friedhelm S. war bereits damals ganz nah an der Technik dran. Wird noch jemand erkannt?

1974 Bentheim Freilichtbühne Birth Control 1 (© Alexander Bentheim)

Das Festival 1973 auf der Freilichtbühne mit Atlantis und Earth & Fire war mit 2500 Besuchern ein guter Publikumserfolg. 1974 unterstützte  auch die Stadt Bad Bentheim die Neuauflage. Die Stadt trug das finanzielle Risiko für das „Open-Air-Festival“ auf der Bühne, das dann als Veranstaltung im Rahmen der  Deutsch-Niederländischen Kulturtage angekündigt wurde. Partner der Stadt war wieder der Stadtjugendring. Die Freilichtbühne war ebenso beteiligt wie 30 jugendliche Ordner des Jugendrings. 2000 Besucher wurden erwartet und Radio Hilversum, der NDR und das Fernsehen des WDR zeigten sich interessiert. Investiert wurden „8000 Mark zuzüglich Werbungskosten“, schrieben die GN einige Tage vor dem Festival.

Erste Panne vor der Veranstaltung: „Triumvirat“, eine  hoch gehandelte Band,  sagte kurzfristig ab und musste durch „Stormy Monday“ aus Mönchengladbach ersetzt werden. Top-Act war „Birth Control“. Dazu kamen  „Alquin“ aus den Niederlanden (Deutsch-Niederländische Kulturtage) und „Preludium“. Ich besitze noch ein Exemplar des Plakates zum Festival 1974 mit einigen weiteren Detailinfos:

Peter Roeder begann seinen Festivalbericht am 9. September 74 mit dem Satz „Wie sehr eine Überdachung der Zuschauerränge auf der Freilichtbühne fehlt, trat am Sonnabend beim Open-Air-Festival deutlich zutage: Insgesamt etwa 800 überwiegend jugendliche Musikliebhaber verbrachten bei hartem Rock und teilweise strömenden Regen einen stürmischen Abend.“  Wieder einmal stand unser Nordatlantiklima  einem rauschendem Festivalerlebnis im Wege. 1977 sollte es ähnlich sein, aber davon soll irgendwann hier im Bentheim-Blog die Rede sein. Die Veranstaltung wurde jedenfalls zum Zusatzgeschäft für die Stadt. Der Stadtjugendring ging leer aus und es sollte für lange Jahre die letzte Open-Air-Veranstaltung des Stadtjugendrings sein.

Tatsächlich kann ich mich noch an „Stormy Monday“ erinnern, die Blues-Rock spielten und nach meinem Empfinden gar nicht mal  schlecht. Die GN schrieb:“ Die Band spielte lustlos. Auch die Mick-Jagger Masche des französischen Sängers Eric Bourgeois blieb farblos.“ Gelobt wurde in der Zeitung der Auftritt der Nordhorner Band „Preludium“. Ich kann mich nicht mehr erinnern und das lag nicht am „braunen Gerstensaft, der kistenweise auf die Freilichtbühne geschleppt wurde“ (GN vom 9.9.74).

Top-Act war „Birth Control“.  Die Band trat erstmals 1968  in Erscheinung, und zwar mit dem Gründungsmitglied Hugo Egon Balder (späterer Moderator der Sendung mit den Länderpunkten und heutiger Gastronom in Hamburg, Zwick). Bereits 1969 übernahm Bernd „Nossi“ Noske den Platz am Schlagzeug. „Birth Control“ war schon zu jener Zeit bekannt für Rock ohne viel Schnörkel und für hervorragende Live-Qualitäten. Neben Noske waren unter anderem Bruno Frenzel an der Gitarre/Gesang und Bernd Held   an der Orgel/Gesang  dafür verantwortlich. Bekanntester Song war und ist „Gamma Ray“,  ein 20 – Minuten Stück, das auch auf der 74er Live-LP zu hören ist. Kritiker schrieben damals: „Man sollte sie Rockarbeiter nennen“. Besonders auf Nossi Noske traf dies zu. Sein Solo auf Gamma Ray war und ist für mich immer noch ein Highlight des Deutsch-Rock jener Jahre.

Peter Roeder schrieb in den GN: „Die Zuschauer waren begeistert und tanzten plötzlich auf den Bänken…..Die Besucher erklatschten sich drei Zugaben.“   So habe ich es auch in bester Erinnerung.

„Alquin“ war der holländischen Beitrag zum Festival im Rahmen der Deutsch-Niederländischen Kulturtage. Nachdem 1973 „Earth & Fire“ auf der Bühne dabei waren, sorgten jetzt „Alquin“ für Musik außerhalb des damaligen Rock-Mainstreams und „veranlaßten die Besucher zuzuhören. Die Kombination der Musikinstrumente (unter anderem Saxophon, Violine) wurde zuerst belächelt, dann jedoch mit starkem Beifall belohnt „, schrieben die GN.

Ein schönes Festival war es damals, trotz des Regens. Ein außergewöhnliches Ereignis in der ansonsten verschlafenen Kleinstadt, die jetzt  schon eine kleine Festivaltradition vorzuweisen hatte. Ein Highlight war es damals und eine schöne Erinnerung ist es  heute. Und ein bischen geprägt haben diese Events auch. Den Musikgeschmack und mehr noch das Lebensgefühl.

Nachtrag: Vor einigen Jahren war ich in der Nordhorner Alten Weberei zugegen bei einem Doppelkonzert der Bands „Guru Guru“  und „Birth Control“. Und was „Birth Control“ zu bieten hatten, war aller Ehren wert. Mit einem Nossi Noske am Schlagzeug und  einigen  jüngeren  Musikern konnte die Band  begeistern.  „Gamma Ray“ erwies sich immer noch mit einem fulminanten Schlagzeugsolo als Renner des Konzerts. Nossi ist vor sechs Jahren leider verstorben. Bereits 1983 ist Bruno Fenzel an den Spätfolgen eines Stromschlags verstorben. Peter Föller spielt heute noch mit jüngeren Musikern unter dem Namen Birth Control.

Über Kommentare und eigene Erinnerungen, Meinungen und Hinweise würde ich mich sehr freuen. Und die Leser wahrscheinlich ebenso. Danke dafür.

Fotos/Copyright: Alexander Bentheim

 

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