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Der Fall Angelika

In den Tiefen des Archivs, im Aktenordner mit den Wasserflecken auf der Pappe, ganz hinten in der letzten Kiste auf dem Dachboden oder als Unterlage im Karton mit Weihnachtsdeko tauchen sie auf: längst vergessene Fotos, Dokumente, Tickets oder auch Zeitungsartikel. In den nächsten Monaten werde ich einige Erinnerungen meiner „Bentheim-Blog“-Leser auffrischen und an längst vergessene, nur verdrängte 😉 oder eben zeittypische Ereignisse erinnern. Ein Artikel aus den Grafschafter Nachrichten vom 22. April 1972 ist ein prima Beispiel für eine Begebenheit, die sich so wohl glücklicherweise (!) nur vor 50 Jahren ereignen konnte.

„Gretna Green“, an den Namen der schottischen Gemeinde können sich Ältere möglicherweise noch erinnern. Blitzhochzeiten ohne lästige Aufgebote, vor allen Dingen ohne Altersgrenzen und neugierige Nachfragen waren dort möglich. Promis und weniger bekannte junge Leute aus ganz Europa wussten das zu schätzen. Joschka Fischer (damals 19 Jahre alt) gehörte dazu, die Schauspielerin Susanne Uhlen (damals 16 Jahre alt) ebenfalls.

Angelika (17) aus München und ihr Freund Adolf (18) aus Österreich wollten „wohl einfach nur zusammen sein“ (U.L.). Doch „Mutti“ hatte etwas gegen den „Ex-Gammler“ Adolf. Eine Hochzeit in Gretna Green sollte die Lösung sein. Die Reise per Anhalter und mit der Bahn endete bereits in den Niederlanden. Es folgte die Überstellung an die deutschen Behörden und ein unfreiwilliger Aufenthalt in der Obhut hiesiger Behörden. Davon bekam unsere Lokalzeitung Wind und berichtete bis Ohne und Laarwald vom Traum langhaariger Münchener Jugendlicher nach Freiheit und Unabhängigkeit. Ein etwas despektierlicher und daher aus heutiger Sicht unangenhmer Ton („Sonntag gibts Brathähnchen) schleicht sich in den Bericht. Ein 17- jähriges Mädchen zunächst in Polizeiarrest und dann unter Aufsicht des Jugendamtes in einer Zelle (!) für ein Wochenende einzusperren war gar nicht lustig. Das Zitat „Hoffentlich steckt mich Mutti jetzt nicht in ein Erziehungsheim“ spricht für sich.

Die beiden Liebenden haben hoffentlich ihr Glück gefunden, auch wenn Gretna Green nicht die Lösung war. Wir werden es nicht erfahren……….

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Lesen…

…. hat Konjunktur und besonders das Sachbuch erfreut sich wachsender Beliebtheit. Das ist in Zeiten von Fake News, Verschwörungstheorien und dergleichen eine positive Entwicklung. Sachliche Informationen helfen nun einmal, die Flut der Nachrichten und das Weltgeschehen besser einordnen zu können. „Lesefähigkeit legt die Basis für Bildungskarrieren und für die Resilienz der Demokratie“, sagte die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels kürzlich laut NOZ und weiter: „…verwies auf die Effekte nachlassender Lesekompetenz. Dies führe zu geschwächter Immunresrsistenz beim Angriff populistischer Erreger“. Die erschreckenden Ergebnisse neuer Pisa-Studien lassen da nichts Gutes erwarten.

Sogar die Lokal(!)-Redaktion der Grafschafter Nachrichten nimmt die Eröffnung der Frankfurter Buchmesse zum Anlass, ganzseitig Buchempfehlungen der einzelnen Redakteure abzuliefern. Gut, kann man machen. Ich würde es allerdings vorziehen, wenn die Lokaljournalisten (wieder) vermehrt aus den Rathäusern sowie dem Kreishaus berichten würden und mit Berichten, Kommentaren und Interviews die Brücke zwischen Lokalpolitik und Einwohnern der Städte und Gemeinden herstellen würde. Es ist schon auffällig, dass sich in den letzten Jahren die Lokalreporter eher selten bei Ausschuss- und Ratssitzungen sehen lassen und entsprechend auch nicht fundiert darüber schreiben können. Schade drum, denn Demokratie setzt auch vor Ort gut informierte Bürger voraus! Aber damit will ich natürlich nichts gegen Literaturempfehlungen von Lokalreportern sagen, wohl aber über den Informationsgehalt und die Qualität des Lokalteils der Grafschafter Nachrichten.

In einem Kommentar in der NOZ am 18.10.2023 hebt Stefan Lüddemann die Sehnsucht der Leserinnen nach vertiefter Information hervor:“……Weil das Buch weiterhin den Goldstandard der intellektuellen und künstlerischen Wortmeldung darstellt. Weil es Erwartungen weckt, die digitale Medien nicht auf sich ziehen, Erwartungen von Qualität, Tiefe und Nachhaltigkeit.“

Ein hervorragendes Beispiel ist Reinhold Beckmanns Buch „Aenne und ihre Brüder – Die Geschichte meiner Mutter“. Beckmann erzählt und dokumentiert die Geschichte seiner Familie und besonders seiner Mutter Änne. Vier Brüder hat sie im zweiten Weltkrieg verloren. Es ist ein Buch gegen das Schweigen über den Krieg. Und es ist „ein Buch über die Verwüstungen des Krieges“, schrieb „Die Zeit“.

Kürzlich konnte ich im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals Reinhold Beckmanns Buchpräsentation im Thalia-Theater erleben. Unterstützt wurde er dabei von Joachim Gauck, dem ehemaligen Bundespräsidenten und Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, der die Präsentation und Lesung mit eindrucksvollen Worten begleitete. So erinnerte Gauck an die Verstrickungen der Menschen in das verbrecherische nationalsozialistische System. Reinhold Beckmann (Jahrgang 1956) beschrieb seine Jugendzeit und sein wachsendes Interesse an Familiengeschichte und seine drängenden Fragen an die Eltern- und Großelterngeneration. „Das willst du nicht wissen. Frag nie wieder“, erhielt er als Antwort. Dabei sei ihm viel später, als seine Mutter darüber redete und er die Feldpostbriefe und weitere Dokumente seiner Familie erhielt, klar geworden, wie wichtig die Beschäftigung mit dieser Thematik ist. Nämlich, um Recht und Unrecht unterscheiden und Haltung zeigen zu können.

Es ist ein berührendes und bewegendes, gleichzeitig persönliches Buch, das ich gerne empfehlen möchte. Die Vertonung mit seiner Band unter dem Titel „Vier Brüder“ steht dem nicht nach.

„Das Buch ist so berührend, weil es diese vier jungen Leben so sichtbar macht. Als ob es gestern gewesen wäre. Ja, es war gestern – und ist heute leider wieder so.“ Udo Lindenberg

Reinhold Beckmann, Aenne und ihre Brüder, Propyläen, August 2023

Reinhold Beckmann und Band, „Vier Brüder“ erschienen auf dem Album „Haltbar bis Ende“, 2021, eindrucksvoll live im Deutschen Bundestag (Youtube)

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Guten Rutsch!

Einen guten Rutsch und alles Gute für das neue Jahr wünsche ich allen  Leser*innen meines Bentheim-Blogs!

Bestimmt bleibt in diesen Tagen etwas Zeit für die Zeitungslektüre. Mich hat ein doppelseitiges Interview Gerhard Schröders, abgedruckt in der Silvesterausgabe der GN/NOZ, besonders beeindruckt. Seine Einschätzungen zu den Themenkomplexen Hartz IV/Bürgergeld, zur Ausrichtung der SPD, zum Zustand der Printmedien und zum Verhältnis Deutschlands zu den USA, Russland und Frankreich teile ich komplett.

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