Kürzlich habe ich folgende Aufnahme im Altonaer Museum in der Ausstellung „World Press Photo 2023“ gemacht. Beim „World Press Photo Award“ werden alljährlich die besten internationalen Pressefotografien des jeweiligen Vorjahres ausgezeichnet. Die Ausstellung ist in Kooparation mit den Bildredaktionen von GEO und Stern und demnächst in weiteren deutschen Städten wie in Dortmund zu sehen. Die Aufnahmen aus dem Ukraine-Krieg sind besonders erschütternd!
Text: „Irina Kalinina (32), eine verletzte Schwangere, wird im ukrainischen Mariupol aus der Geburtsklinik getragen, die bei einem russischen Luftangriff getroffen wurde (9. März 2022). Ihr Baby namens Miron (das Wort für Frieden) kam tot zur Welt, eine halbe Stunde später starb auch Irina. Laut OSZE-Berichten hat Russland die Klinik absichtlich angegriffen: drei Menschen starben, 17 wurden verletzt. Nach Ansicht der Jury zeigt das Foto einen Angriff auf die Zukunft der Ukraine.
Evgeniy Maloletka nahm das Bild im Auftrag von Associated Press auf.“
Das Foto mit der Hintergrundinformation spricht für sich. Kommentare unerwünscht.
Heute wie vor 43 Jahren ist der 1. September der „Antikriegstag“. Im Spätsommer 1980 habe ich mich nicht in Bentheim aufgehalten. Ansonsten hätte ich als Anhänger der damaligen Friedensbewegung jedoch sicherlich an einer denkwürdigen Veranstaltung zum „Antikriegstag 1980“ in unserer Stadt teilgenommen. Ich habe Wilhelm Hagerott aus Münster gebeten, einen Beitrag darüber zu verfassen. Er war Initiator und verantwortlicher Leiter der Gesamtveranstaltung. Hier sind seine Erinnerungen und einige Dokumente dazu:
„Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall des deutschen Naziregimes auf die Volksrepublik Polen der 2. Weltkrieg. Aus diesem Anlass wird in vielen deutschen Städten der 1. September zur Erinnerung als Antikriegstag begangen, heute vornehmlich organisiert durch den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
In Bad Bentheim erhielt der Antikriegstag 1980 als Gedenktag ein besonderes Augenmerk. Am Vorabend zum 1. September fand am Sonntag, 31. August 1980 und zum Ende der Sommerferien, eine Friedensdemonstration statt. Der Landkreis Grafschaft Bentheim benannte als zuständige Behörde damals die Veranstaltung in einem Genehmigungsschreiben als „Aufzug im Sinne des Versammlungsgesetzes in Form eines Fackelzuges“. In dem Schreiben der Kreisverwaltung wurde insgesamt eine 8 Punkte umfassende Anordnung als Auflage für die Durchführung erteilt:
Organisiert wurde die Veranstaltung von Wilhelm Hagerott vom Vorstand der Grafschafter Jungsozialisten in der SPD. Er schmiedete hierzu ein breites Bündnis von nachstehenden Jugendverbänden, die gemeinsam als Veranstalter auftraten: CVJM Bad Bentheim, Dritte Welt Laden Schüttorf, Jugendzentrum Schüttorf, Jugendhaus Bad Bentheim, DGB Gewerkschaftsjugend Kreis Emsland, Jungsozialisten in der SPD Grafschaft Bentheim, Junge Union Ortsverband Bad Bentheim, Deutsche Jungdemokraten Grafschaft Bentheim.
Die Demonstration begann am Sonntagabend um 20.30 Uhr mit einer Kundgebung auf dem Herrenberg. Als Redner traten Pastor Hans Jürgen Schmidt von der evangelisch reformierten Gemeinde Bad Bentheim und Harald Schliekert von der SPD aus Bonn ans Mikrofon. Pastor Schmidt rief die Zuhörer auf, an die Gerechtigkeit zu glauben und sich nicht an die Ungerechtigkeiten in der Welt zu gewöhnen. Er würdigte die Haltung der Kriegsdienstverweigerer und sprach sich gegen ein Prüfverfahren des Gewissens aus. Harald Schliekert aus Bonn, der persönliche Referent des damaligen Grafschafter SPD Bundestagsabgeordneten Jan Oostergetelo, mahnte in seiner Rede vor dem Hintergrund des Krieges und der Invasion der Sowjetunion in Afghanistan vor einem Nachlassen der Entspannungspolitik zwischen Ost und West. Die Zuhörer dankten zum Schluss den beiden Rednern an diesem Abend mit anhaltendem Applaus.
Im Anschluss an die Kundgebung auf dem Herrenberg formierten sich dann rund 150 Friedensdemonstranten zu einem Schweigemarsch mit entzündeten Fackeln in den Händen durch die Bad Bentheimer Innenstadt. Begleitet von einem Polizeifahrzeug und einem Ordnerdienst führte die Wegstrecke von der Schloßstraße zur Stadtmitte in die Wilhelmstraße, über die Lingerstiege und den Paulinenweg zurück durch die Kirchstraße und die Wilhelmstraße zum Marktplatz in die Stadtmitte. Hier wurde gegen 21.45 Uhr der Schweigemarsch mit Fackelzug offiziell beendet. Anschließend nahmen noch etliche Demonstranten an einer interessanten Diskussionsrunde im Jugendhaus in der alten „Kaufmannschen Stadtvilla“ am Marktplatz teil. Dort konnte als Teilnehmer auch der Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr, Hubertus Prinz zu Bentheim und Steinfurt begrüßt werden. Gegen 22.30 Uhr endete die Abschlussdiskussion.
Die Friedensdemonstration zum Antikriegstag 1980 in Bad Bentheim war in der Rückschau eine gute Sache für ein erweitertes Bewusstsein für den Frieden. Gleichwohl unterliegt die Zeitgeschichte in Europa neben dem stetigen Wandel politischer Veränderungen immer wieder kriegerischen Auseinandersetzungen oder verheerenden Angriffskriegen wie den durch Russland in der Ukraine. Freiheitliche und rechtsstaatliche Demokratien sollten heute nach innen und außen gut wehrhaft aufgestellt sein. W.H.“
43 Jahre sind seit dem ersten Bentheimer Flohmarkt, seinerzeit auf dem Herrenberg, vergangen. Mir ist nicht bekannt, wieviele Stände damals aufgebaut wurden, wieviele Besucher kamen oder welche Gegenstände ich damals erfolgreich unter das Volk bringen konnte. An die besondere Atmosphäre und den Spirit unter allen Beteiligten kann ich mich allerdings noch gut erinnern. Der schöne Veranstaltungsort und der Zauber des Neubeginns 😉 haben wohl dazu beigetragen.
Ein „paar“ Jahre später ist der Flohmarkt immer noch ein Renner. Die Organisation ist einfach super, das Orga-Team versprüht nicht nur zu jeder Nacht- und Tagesstunde gute Laune, sondern lässt den vielen Hobbyhändlern mit moderaten Standmieten deren mehr oder weniger bescheidenen Umsatzerwartungen Wirklichkeit werden. Und auch der Anspruch, ein „Internationaler Flohmarkt“ zu sein ist nicht übertrieben. Menschen vieler Nationalitäten und Mentalitäten treffen beim Feilschen an den Ständen aufeinander.
Nicht mehr benötigte Alltagsgegenstände, Dachbodenfunde, Unnützes oder Überflüssiges, Ungeliebtes, Abgelegtes, Platz sparendes – nichts davon landet einfach auf dem Isterberg oder in der Tonne, sondern findet eine weitere Verwendung, oder macht den neuen Besitzern einfach nur Freude wie zum Beispiel meine alte Küchenwaage, eine Nelson Mandela-Biografie, die Plüschtiere vom Dachboden oder die Playmobilautos am Nachbarstand. Viel Spaß damit!
Vom Flohmarkt 2023 bleiben mir zwei weitere Erinnerungen. Einmal die Frau, die meine Fahrradklingel mit HSV – Raute als Geschenk für ihren Ehemann erstand und ihrer Aussage nach diesem riesen HSV-Fan ein besonderes Geschenk vom Flohmarkt mitbringen konnte. Ihre Vorfreude darüber stand ihr ins Gesicht geschrieben. Und dann war da noch die Geschichte mit der alten Schrankuhr meiner Großmutter. Jahrelang konnte ich keinen neuen Besitzer finden, was wohl auch daran lag, dass ich keinen Schlüssel für das Aufziehen des Uhrwerks und des Schlags mehr hatte. Eben dieser Schlüssel fand sich jetzt in einer anderen Trödelkiste wieder. Umgehend wurde die Uhr aufgezogen und die Angelegenheit dann wieder vergessen. Einige Zeit später erklang dann unerwartet nach Jahrzehnten wieder der vertraute Schlag, und zwar gleich 12 mal. Leicht spooky, aber das passt ja prima zum Flohmarkt!
Wann, wenn nicht heute sollte ganz besonders der Blick auf unsere schöne gemeinsame Sprache gelenkt werden. Martin Luther sei Dank für unvergleichlich bildhafte Wortschöpfungen und Sätze:
Mit wenig Worten viel zu sagen ist eine Kunst. Eine große Torheit aber ist es, viele Worte zu gebrauchen und doch nichts zu sagen.“
Und besonders passend am Übergang zum grauen November:
„Das die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.“
Der Samstag beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück. Die GN gehören bei mir gewohnheitsmäßig (noch) dazu. Immer intensiver lese ich die politischen Nachrichten der NOZ-Mantelseiten und natürlich den Sport. Der Lokalteil wird aus meiner Sicht immer uninteressanter, seitdem lokalpolitische Themen seltener vorkommen. Aus Sitzungen der politischen Gremien wird kaum noch berichtet und die dort diskutierten Themen selten vertieft betrachtet. Eine Entpolitisierung, die ich bedaure.
Heute wird der Leser (ich verzichte heute mal aufs Gendern) des Lokalteils allerdings etwas klüger, denn bereits beim Durchblättern springen die Anzeigen der CDU ins Auge. Ganzseitig wirbt Reinhold Hilbers um beide Stimmen für die CDU und auf den Folgeseiten geht es in etwas kleinerem Format mit weiteren teuer bezahlten Anzeigen so weiter. Parteiwerbung vor der Wahl ist sicher eine gute Sache und an platte Slogans sind wir gewöhnt. Auffällig ist heute allerdings, dass höchstens noch die FDP für ihre Verhältnisse bescheiden mit Anzeigen um die Wählergunst in der Lokalzeitung wirbt. Eine Schlussfolgerung liegt auf der Hand. In der CDU herrscht
P A N I K.
Anders ist eine solche Materialschlacht -und nichts anderes ist eine solche teure Anzeigenkampagne- am Vortag der Wahl nicht erklärbar. Es wird realisiert, dass es höchstwahrscheinlich mit dem Mitregieren aus ist, der Ministerposten (der immerhin für die Grafschaft auch seine guten Seiten gehabt haben dürfte) ist dann futsch, und auch der nächste Ministerpräsident dürfte Stephan Weil heißen. Im Angesicht der Wahlschlappe viele tausend Euro rauszuhauen wirft zudem ein Licht auf die finanziellen Ressourcen der CDU und daraus folgend deren politische Prioritäten. Kann man ja mal unter diesem Gesichtspunkt sehen. Stephan Weil, Olaf Lies und Boris Pistorius haben aus meiner Sicht in den letzten Jahren dagegen seriöse Politik für Niedersachsen betrieben. Na ja, und das Kultusministerium könnte ja an den künftigen Koalitionspartner gehen (das sind natürlich die mit der Vorsitzenden, die einen so sympathischen Nachnamen hat ;-). Wenn es so kommt, könnten wir immerhin feststellen: Geld gewinnt keine Wahlen; jedenfalls nicht in Niedersachsen.
Es gibt auch erfreuliche Neuigkeiten zum Thema „Schienenverkehr“ in der Grafschaft. „Regiopa-Verbindung bis Gronau am besten über Bardel“ titelte die Grafschafter Nachrichten vor einigen Tagen. Die Planungen für die Verbindung Bad Bentheim – Gronau werden also voran getrieben. Gut so! Künftig mit dem Zug von Bad Bentheim mit einmaligen Umstieg in Gronau direkt nach Enschede, Münster und Dortmund fahren zu können, wäre in der Tat ein Schritt zur erfolgreichen Verkehrswende. Optimistisch stimmt auch die Tatsache, dass aus Nordrhein-Westfalen heraus Druck für diese Verbindung gemacht wird und die Diskussion um Schienenverbindungen sich somit nicht auf lokale Einzelinteressen von Städten und Landkreisen verkürzen lässt. Das der IC-Bahnhof Bad Bentheim künftig mit einer neuen Verbindung eine noch zentralere Funktion einnehmen wird, ist gleichwohl ein erfreulicher Effekt für die ganze Grafschaft 😉.
Im Juli 2020 und im Februar 2021 habe ich mich in diesem Blog bereits ausführlicher mit dem Thema befasst. Hier sind nochmals die beiden Texte (Lesedauer 5 Minuten):
25.7.20: Bad Bentheim: Ein zentraler Verkehrsknotenpunkt für den Schienenverkehr in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft!
Im Zusammenhang mit Klima- und Umweltschutzdiskussionen spielen auch Mobilitätsfragen eine gewichtige Rolle. Die Bahn ist dabei mit allen positiven und leider auch negativen Schlagzeilen immer wieder Thema.
Ein wichtiger Aspekt für uns Grafschafter ist die Wiederinbetriebnahme ehemals stillgelegter Bahnstrecken. Die lokalen Initiativen und Anstrengungen haben dazu beigetragen, dass jetzt auf der Strecke Bad Bentheim – Neuenhaus wieder der Schienenpersonenverkehr rollt und hoffentlich künftig über Emlichheim ins niederländische Netz fortgesetzt wird.
Wirklich rund wird diese Entwicklung durch eine mögliche Reaktivierung der Bahnstrecke Bad Bentheim – Gronau/Ochtrup. Bis Achterberg bzw. bis zum Munitionsdepot auf Ochtruper Gebiet liegen die Schienen. Die Anbindung von Gildehaus wäre ein erster kleiner, für Bad Bentheim dennoch nicht unwichtiger Schritt. Von größerer Bedeutung wäre die Direktverbindung in das NRW-Schienennetz von Nordhorn kommend über Bad Bentheim nach Gronau und von dort nach Münster sowie ins Ruhrgebiet/Rheinland. Es wäre ein Quantensprung für unsere Region und besonders auch für Bad Bentheim als dann gestärkter Verkehrsknotenpunkt. Vor fünfzehn oder zehn Jahren wurden solche durchaus vorhandenen Gedankenspiele noch belächelt. Die Realisierungschancen wurden mir erstmals von drei Jahren bewusst. Bei einem der Workshops für das Stadtentwicklungskonzept „Zukunft Bad Bentheim 2035“ schätzten auch die anwesenden Experten und Entscheidungsträger entsprechende Planungen als durchaus realistisch und erfolgsversprechend ein. „Anbindung Gronau“ findet sich dort an der Pinwand als Idee unter der Überschrift „Wo wollen wir hin“.
Die Dynamik der Klimaschutz- und Mobilitätsdebatten sowie die erfolgreiche Reaktivierung der Strecke Bad Bentheim-Neuenhaus sorgt mittlerweile für erste Planungsschritte. Erste Voruntersuchungen laufen, Bad Bentheim beteiligt sich daran und das Projekt wird hoffentlich Schwung aufnehmen. Ein Indiz dafür sind auch die Veröffentlichungen des „Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), die auf eine Vielzahl möglicher Schienenreaktivierungen deutschlandweit und darunter auch auf die Strecke Bentheim-Gronau hinweisen. Nachzulesen ist dies zusammen mit vielen weiteren Fakten auf der Seite www.allianz-pro-Schiene.de der „Allianz pro Schiene“ unter „Reaktivierungen“.
Interessant ist ein Blick zurück in die Zeit, als die Strecke nach Gronau geplant und dann gebaut wurde. In einem älteren Jahrbuch des Heimatvereins (Das Bentheimer Land, Band 97, Jahrbuch 1981, Nordhorn) finden wir im Beitrag „Vorgeschichte und Bau der Eisenbahnlinie von Bentheim über Gildehaus nach Gronau“ von Hanspeter Dickel Fakten, die ich hier zusammenfasse.
Im Jahre 1865 erfolgte die Realisierung der Strecke Almelo-Salzbergen über Bentheim und 1875 folgten die Strecken Münster-Enschede und Dortmund-Enschede jeweils über Gronau. Am 14. April 1896 wurde die Strecke Bentheim-Nordhorn-Neuenhaus eingeweiht. Ab 1903 verkehrte zudem eine Kleinbahn zwischen Gronau und Oldenzaal und zwei Jahre später eine Linie von Ochtrup nach Rheine.
Die Planungen für die Linie von Bentheim über Gildehaus nach Gronau, deren Reaktivierung jetzt möglicherweise realisiert werden kann, waren bereits seit den 1880er Jahren im Gespräch. Motor dieser schließlich erfolgreichen Planungen waren die Städte Gronau und Epe. Diese waren wenig angetan von Überlegungen zu einer Strecke von Freren nach Almelo über Lingen und Nordhorn und damit an einer Ost-West-Querung der Grafschaft über Nordhorn. Dagegen entspräche die dann realisierte Längsverbindung durch die Grafschaft von Neuenhaus über Bentheim nach Gronau stärker ihren Wirtschafts- und Verkehrsinteressen. Dafür nahmen sie (unter anderem der Textilfabrikant M. van Delden) Geld in die Hand (15.000 Mark für Grunderwerb) und machten politisch Druck. Ihre Argumente: Im- und Exportvolumen von Landwirtschaftsgütern und besonders Vieh waren sowohl im Kreis Bentheim wie auch im nördlichen Holland beträchtlich. Und im Verbund mit den Bahnstrecken der Linien Münster/Dortmund-Enschede wird eine kürzere und direktere Verbindung entstehen, mit deren Hilfe die rheinisch-westfälische Kohle die englische Kohle in Groningen und Umgebung verdrängen kann. Die westfälischen Hochöfen würden auch rentabler mit einer Direktverbindung bis Gildehaus und Nordhorn arbeiten können. Und schließlich wird auch die Steinindustrie in Gildehaus als Pluspunkt der Streckenführung Gronau-Nordhorn über Bentheim genannt. Also standen Wirtschaftsinteressen, die weit über den lokalen Bezug hinausgingen, im Zentrum der Bestrebungen.
Schließlich waren auch Streckenführungen ab Schüttorf nach Burgsteinfurt und von Bentheim nach Ochtrup (!) im Gespräch. Die Topografie mit dem Bentheimer Höhenrücken sprach gegen die erste Variante. Die Eisenbahndirektion Köln entschied sich aus Kostengründen für eine Strecke Coevorden-Bentheim-Ochtrup. Der Grafschafter Kreistag machte 1897, also ein Jahr nach Eröffnung der Linie Neuenhaus-Bentheim, Druck für die Fortführung von Bentheim nach Gronau oder Ochtrup und auch auf westfälischer Seite wurde unter Einbeziehung beträchtlicher Summen dafür gearbeitet. Von dort wurde die Argumentation mit dem Arbeitskräftebedarf der Gronauer Industrie gestützt. Die Bahnverbindung sollte Abhilfe schaffen und das Arbeitskräftepotential der Grafschaft besser ausschöpfen.
1903 war es soweit: Der Gronauer Magistrat und der Kreistag in Bentheim kamen zu entsprechenden Beschlüssen. 1906 erfolgte die Konzessionserteilung, am 3. September des Jahres fand der erste Spatenstich am Bentheimer Bahnhof Süd statt. Für die Jüngeren: dieser befand sich am Ritterstein, der für die Trasse frei gesprengt wurde. Gefeiert wurde der Spatenstich im Hotel Bellevue und bei Lenzing. Die Strecke mit einer Länge von gut 18 km, 43 Bahnübergängen und sechs Brückenbauten wurde am 20. Juni 1908 in Betrieb genommen. Die Handelsbeziehungen und auch die sozialen Beziehungen sollten sich anschließend ausweiten.
Motivation und Bedingungen für den Betrieb dieser Bahnlinie Bentheim-Gronau (die bis 1974 bestand) haben sich selbstverständlich in wesentlichen, nicht aber in allen Punkten verändert. Unverändert gilt allerdings ein Satz aus den Gronauer Nachrichten vom 2.6.1897:
„…wäre es jetzt wohl endlich an der Zeit, daß die hiesigen Kreise nunmehr aus ihrer Reserve heraustreten und kräftig für die Realisierung des Projektes Gildehaus-Gronau eintreten.“
Ein Satz, der 123 Jahre später aktueller denn je ist. Es wird höchste Zeit für die Bahn nach Gronau/Ochtrup, bevor noch mehr Unkraut über die Schienen wächst!
26.2.21: Es fährt ein Zug nach Gronau
Ist der Flughafen Münster Osnabrück (FMO) unverzichtbar für die Verkehrsinfrastruktur der Region? Der Kreistag hat sich Donnerstagnachmittag mit dieser Frage beschäftigt und mehrheitlich mit „Ja“ beantwortet. Damit wurde durch den Mitgesellschafter Landkreis Grafschaft Bentheim eine weitere Kapitalzuführung mit einem fast schon symbolischen Betrag von 46.000 € zugestimmt. Tatsächlich wird auch nach Corona der chronisch klamme Flughafen für private und geschäftliche Fluggäste und für den Frachtverkehr ein Baustein im regionalen Mobilitätsangebot sein. Wird das von Dauer sein?
Der Ausbau des Schienenverkehrs in der Grafschaft und anderswo ist mindestens ebenso wichtig, wenn nicht sogar wesentlich bedeutsamer! Unsere Regionalbahn entwickelt sich gut. Während des Wintereinbruchs habe ich beispielsweise den Zug nach Nordhorn -und zurück – schätzen gelernt. Die Verlängerung über Emlichheim in die Niederlande ist ein logischer nächster Schritt.
Am 25. Juli 2020 habe ich hier in meinem Blog bereits einmal zum Ausbau der Regionalbahn geschrieben: “Bad Bentheim: Ein zentraler Verkehrsknotenpunkt für den Schienenverkehr in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft!“. Es ging hauptsächlich um die Historie der Strecke Bentheim-Gronau – und um die Zukunftsperspektive für diese Strecke. Ich werte es als sehr gutes Zeichen, dass die Wiederinbetriebnahme dieser Strecke nicht nur in der öffentlichen Diskussion immer häufiger auftaucht, sondern auch Politik, Gebietskörperschaften und Verwaltungen in diesem Sinne aktiv werden. Eine Machbarkeitsstudie wurde im vergangenen Herbst in Auftrag gegeben, schreibt die Bentheimer Eisenbahn auf ihrer Homepage und löste damit ein breites Medienecho aus. Besonders in NRW gibt es kräftige Bestrebungen zur Stärkung der Schiene im Münsterland. Eigentlich kann es keine Zweifel geben: Eine Reaktivierung der Strecke Bentheim – Gronau und damit eine durchgehende Verbindung von Coevorden über Nordhorn und Bentheim nach Gronau und damit in das NRW und NL-Schienennetz wird erfolgreich sein. Beispiele: Mobilitätsvorteile in alle Richtungen für Arbeitnehmer, Studenten und Touristen in der Grafschaft, den Kreisen Borken, Steinfurt und der Twente, verbesserte Anbindung der Grafschaft an den Raum Münster und Ruhrgebiet/Rheinland und umgekehrt, Stärkung der Schiene und Verlagerung des Personen- und Warenverkehrs von der Straße auf die Schiene und damit die gewünschte Stärkung des Schienenverkehrs insgesamt, also ökologische und ökonomische Vorteile. Es gäbe nur Gewinner bei diesem Projekt!
Um auf die Eingangsfrage im Zusammenhang mit einem Regionalflughafen FMO zurückzukommen: Nicht nur mein persönlicher Regionalflughafen ist der Internationale Flughafen Düsseldorf, der mit dem PKW in ca. 70 Minuten ab Bad Bentheim zu erreichen ist. Eine Bahnverbindung, die nicht über Münster, sondern über Gronau in Richtung Rheinland führt ist zwar nicht unbedingt schneller, aber die bequemere und ökologisch sinnvollere Variante. Dies gilt umso mehr, als das innerdeutsche Zubringerflüge mit einem Start in Düsseldorf verzichtbar sind.
Und am Rande, aber nicht ganz unwichtig: Weitere Haltestellen der Regionalbahn im Stadtgebiet wie zum Beispiel in Gildehaus und eventuell sogar am Ferienpark (Foto) sorgen dafür, dass der Wagen im Carport bleibt. Nicht immer, aber immer häufiger.
Familien, Spaziergämger, Wanderer, Rehapatienten – das Bad und die umliegenden Wälder waren am Wochenende mal wieder ein vielbesuchtes Naherholungsgebiet. Aufgefallen ist mir das neue gastronomische Angebot in der Umbauphase des Kurhauses. Ein Kaffee im Kurhaussaal, Außengastronomie mit Blick auf den Kurpark und dazu ein Foodtruck sind ein wahrlich attraktives Angebot!
Übertroffen wird das klassische „Bentheim-Ambiente am Bad“ allerdings von den Naturerlebnissen ganz in der Nähe, oft nur wenige Schritte entfernt :
Tausend Mal vorbeigegangen – tausend Mal nicht weiter aufgefallen sind die weiteren Motive. Der Weg zwischen Bad und Waldbauern ist aus guten Grund so beliebt.
20. Januar 1942 – Auf der Berliner Wannsee-Konferenz planen Vertreter der SS und der nationalsozialistischen Ministerialbürokratie die systematische Ermordung der europäischen Juden. 5,6 bis 6,3 Millionen europäische Juden wurden Opfer des Menschheitsverbrechens.
20. Januar 2022 – Der Botschafter Israels in Deutschland und der Botschafter Deutschlands in Israel wollen im Auftrag ihrer Länderregierungen gemeinsam gegen die Leugnung und Trivialisierung des Holocaust angehen. In einem Beitrag für den „Tagesspiegel“ der beiden Botschafter heißt es, die Leugnung historischer Fakten des Holocaust sei nicht nur ein Angriff auf die Opfer der Vernichtung und ihre Nachkommen, auf Jüdinnen und Juden in aller Welt und den Staat Israel. Es sei auch ein Angriff »auf die Grundbedingung friedlicher Gesellschaften und friedlichen Zusammenlebens weltweit«. Die Botschafter machten auch Vorschläge für Maßnahmen zur Bekämpfung der Holocaust-Leugnung. Dazu gehören eine einheitliche Definition von Antisemitismus, Investitionen in Bildung und Aufklärung sowie Maßnahmen, um zu verhindern, dass der Holocaust in den sozialen Medien infrage gestellt oder relativiert wird. Die UNO soll eine Resolution verabschieden. „Diese Resolution soll ein Zeichen der Hoffnung und Inspiration für alle Staaten und Gesellschaften sein, die für Vielfalt und Toleranz einstehen, nach Versöhnung streben und verstehen, dass die Erinnerung an den Holocaust unabdingbar dafür ist, dass sich derartige Verbrechen nicht wiederholen“, schreibt Spiegel Online heute.
20. Januar 2022: Der Schauspieler und Schriftsteller Hardy Krüger stirbt mit 93 Jahren. Ich mochte ihn nicht nur als Schauspieler, sondern besonders als glaubwürdigen Zeitzeugen. Erst vor wenigen Jahren hat mich sein Buch „Was das Leben sich erlaubt“ gefesselt; ich möchte es empfehlen. Seine Ablehnung jedes Autokraten und jeden diktatorischen Systems liegt begründet in seiner Biografie. Der Weg vom begeisterten jungen Nationalsozialisten zum Künstler, Weltenbummler, Verfechter der Demokratie und erbitterten Gegner des Nationalsozialismus beindruckt tief. Für Deutschlands positives Ansehen in der Welt hat er Enormes geleistet. Die Initiative Israels und Deutschlands wäre ganz in seinem Sinn gewesen.
Am Wochenende startet nun auch die zweite Liga in die Rückrunde. Schalke 04, Werder Bremen, FC Nürnberg, FC St. Pauli und der ein oder andere Club ohne großen Namen (dafür mit kompetenter sportlicher Leitung und seriösem Finanzgebaren) macht sich Hoffnungen auf den Aufstieg in Liga 1. Der einst ruhmreiche Hamburger Sportverein („Wer wird Deutscher Meister? Ha Ha Ha HaESVau“) ist auch noch im Rennen. Trotz eines in jeder Beziehung unfassbaren, sieben Jahre andauernden Missmanagements.
Große Teile der Mitglieder und Anhängerschaft des Vereins gewöhnen sich an den Kummer, hegen allerdings immer noch Hoffnung auf Besserung, also die Rückkehr in die erste Liga. Gelegentlich gibt es auch etwas zu lachen. Der Flachs blüht! So berichtetet beispielsweise die Postille „Hamburger Morgenpost“ in der Onlineausgabe zur Verpflichtung eines neuen Trainers:
„Er ist erst seit dieser Saison als Co-Trainer beim HSV, Coach Tim Walter kennt seinen Assistenten aber schon aus der gemeinsamen Zeit in Karlsruhe, wo er mit dem 38-jährigen Julian Hübner im Nachwuchsbereich des Vereins tätig war. Doch Hübner hat in seiner Vergangenheit noch ganz andere Tätigkeiten ausgeübt – welche, die weit weg vom Fußball sind. Wie die Zeitung „Rheinpfalz“ berichtet, arbeitete Hübner bis vor seinem HSV-Engagement als Lehrer an einer Gemeinschaftsschule in Karlsruhe. Außerdem verdiente er während seines Studiums sein Geld als Totengräber bei der Gemeinde Klingenmünster. Dazu hat er Nachtwachen in der Psychiatrie geschoben.“
Der „HSV Arena- Blog“ kommentiert trocken:
„Totengräber und Nachtwache in der Psychiatrie? Selten habe ich einen HSV-Angestellten erlebt, dessen Vorbildung so perfekt zu seinem Job beim Verein gepasst hat, wie hier.“
So ist immerhin für Unterhaltung gesorgt. Und hier noch ein Eindruck aus der „guten alten Zeit“:
Ein prima Ausgleich zum Ärger über den einen Verein, dessen Mitglied ich bin, vielleicht sogar eine Alternative zu seinen sportlichen Auftritten, wird in einigen Wochen der Spielbetrieb in den Amateurligen sein. Auf zum SVB III, meiner ehemaligen Mannschaft. Mitglied bin ich auch dort. Ehrlicher Sport ist garantiert!
Übrigens: Rui Pinto, Whistleblower (Football Leaks), dessen Enthüllungen mit über 70 Millionen Dokumenten das Maß an Kriminalität in Vereinen und bei korupten Funktionären, Spielern und Beratern im Profifußball aufdeckte, nebenbei zur Verurteilung von Ronaldo zu zweijähriger Bewährungsstrafe und 19 Millionen Euro Strafe führte, wurde inzwischen in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Das nur so, zum Beispiel zum aktuellen Geschacher um Erling Haarland.
Die Erweiterung des Gildehauser Otto-Pankok-Museums zum Gedenk- und Lernort für das jüdische Leben in der Grafschaft sorgte in den letzten Monaten für Gesprächsstoff und Schlagzeilen. Nach Klärung von Grundsatzfragen in Vor-Pandemiezeiten und dem folgenden Architektenwettbewerb mit einem aus meiner Sicht sehr gutem Ergebnis arbeiten der engagierte Trägerverein mit der Nachlassverwalterin von Hella Wertheim, die Kreisverwaltung und besonders die Stadt Bad Bentheim als Bauträger an der praktischen Umsetzung. Das braucht seine Zeit und fordert den langen Atem all jener, die sich die Realisierung dieses Projektes auf die Fahnen geschrieben haben.
Ich habe in den letzten Jahren innerhalb meiner Fraktionen und den beteiligten Ausschüssen der Stadt und beim Kreis politisch dabei mitdiskutieren und helfen dürfen. In der vergangenen Woche tagte nun der Kulturausschuss des Landkreises, sinnvollerweise im Otto-Pankok-Museum, die Sachlage auf der Grundlage einer aktuellen Mitteilungsvorlage.
Eine Reihe von positiven Punkten und Entwicklungen konnte ich für die SPD hervorheben wie beispielsweise die Tatsache, dass ein außergewöhnlicher, jedoch lange überfälliger Gedenk- und Lernort besonders für die nachfolgenden Generationen entstehen wird. Gedenksteine an den ehemaligen Standorten der Synagogen, die vielen Stolpersteine und Pflege der jüdischen Friedhöfe sind wichtig, aber besonders mit Blick auf künftige Generationen nicht ausreichend. Mit dem Museumsverein und dem Nachlass stimmt der Rahmen, Stadt und Landkreis haben richtigerweise erklärt, für die personelle Unterstützung mit einer neu zu schaffenden Stelle sorgen zu wollen. Der Stadtverwaltung ist es gelungen, Spenden für die Innenausstattung einzuwerben und Gelder aus Dorferneuerungsmitteln für das Projekt zu sichern. Der Haushaltsplan des Landkreises sieht eine Förderung mit insgesamt 150.000 € und damit einen wichtigen, jedoch nicht den wichtigsten Baustein vor. Diesen muss die Stadt Bad Bentheim mit Eigenmitteln von 280.000 €, vor allem aber mit der Sicherung von weiteren ca. 900.000 € stemmen. Die von 1,4 Mill. € auf 1,9 Mill. € angestiegenen Gesamtkosten sind wahrlich eine Herausforderung und der Aufbau und die Strukturierung der Finanzierung eine gelungene Zwischenbilanz der Verwaltungen! Wir können jetzt erwarten, dass die Erweiterung erfolgen wird und 2024, wie von den Zuschussgebern gefordert, die Eröffnung folgt und erste Schulklassen diesen wichtigen außerschulischen Lernort besuchen können.
Aus welchem Grund das so wichtig ist, bringt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda in diesen Tagen, an denen sich Deportationen an vielen Orten zum 80. Mal jähren, auf den Punkt: „Wer für eine offene Gesellschaft eintreten will, der muss der damaligen Opfer und ihres unvorstellbaren Leids gedenken. Das ist die Grundlage dafür, dass sich die Aussage „Nie wieder Faschismus“ mit Leben füllt.“